Wrocław (Breslau) - Deutsche Vergangenheit, polnische Gegenwart! Europäische Zukunft?

Reisebericht über einen einwöchigen Aufenthalt in Wrocław, dem früheren Breslau, im Rahmen eines Bildungsurlaubs im April 2016
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Breslau, Rynek Ring

Der zentrale Altstadtmarkt, der Rynek (Großer Ring), in Wrocław / Breslau ist das historische Zentrum der Stadt. Hier geht der Blick auf die Nordseite des Marktes.

 

DER RYNEK (RING) VON WROCŁAW / BRESLAU - WIE SCHÖN! UND: WIE NERVIG...

Also wirklich, Wrocław! Also wirklich, Breslau!

Was ist denn das für ein Mist? So etwas Lästiges und Nerviges ist mir ja lange nicht passiert!

Und das habe ich hier, in dieser Stadt, überhaupt nicht erwartet...

Es ist ein diesiger, regnerischer Sonntagabend. Vor ein paar Stunden bin ich in Breslau, also dem heutigen polnischen Wrocław, angekommen - und freue mich darüber und auf die bevorstehende Woche. Schon seit mehr als einer Woche habe ich mich in Polen etwas herumgetrieben und umgeschaut, war in Kraków (Krakau), Łódź (Lodz) und Katowice (Kattowitz) und habe mich daran erfreut, wie freundlich, entspannt und zumeist umsichtig und rücksichtsvoll es in den Städten und im Allgemeinen so zugeht.

Und nun möchte ich an diesem ersten Abend in Wrocław noch eine Runde um den Rynek, den "Großen Ring", drehen, mich überhaupt ein wenig im abendlichen Wrocław umschauen. Es ist so gegen neun Uhr, und ich spaziere also zunächst mal durch den Nieselregen zum Altstadtmarkt.

 

 

 

Eine besondere Absicht habe ich auch im Sinn: Nachdem tags zuvor in Katowice meine eigentlich recht hochwertige Kompaktkamera ohne jede Ankündigung kaputt gegangen ist und aller Versuche zum Trotz funktions-untüchtig blieb, habe ich mir heute Morgen in Katowice vor der Zugfahrt nach Wrocław noch eine sehr billige Kamera gekauft, um in meiner zweiten Polen-Woche überhaupt noch fotografieren zu können. Ein Kamera-Kauf am Sonntag - in Polen kein Problem! Und nun möchte ich einfach mal ausprobieren, was wohl passieren wird, wenn ich versuche, mit diesem simplen Teil Nachtaufnahmen zu machen.

Allerdings - ich komme kaum dazu! Denn ich werde hier auf dem Rynek kaum mal eine Sekunde in Ruhe gelassen. Es ist schon nach neun Uhr und es ist nahezu menschenleer auf dem zentralen Platz von Wrocław. Das ist bei Nieselregen an einem Sonntagabend im April wohl keine besonders große Überraschung. Bei den vielen Touristen in der Stadt aber eigentlich doch eher selten auf dem Rynek.

Und das hat Folgen. All die vielen, aufdringlichen Nepper und Schlepper auf dem Rynek stürzen sich geradezu auf mich. Es ist ja sonst kaum jemand da! Und der Rynek ist voll mit jungen Leuten, deren Job es ist, Kunden in Bars, Restaurants, Diskos (und was weiß ich wohin noch...) abzuschleppen. Wahrscheinlich gehöre ich zur Hauptzielgruppe: Mann, gerade eben noch mittelalt, allein unterwegs, Ausländer - also sicherlich reich, wild darauf, mit seinem Geld um sich zu werfen, und gierig nach irgendwelchen aufregenden Erlebnissen. Also bedrängt und belabert man diesen Typen massiv. Sicherlich in der Absicht, ihn erheblich zu erleichtern. Also, um Bares, versteht sich.

Breslau Wroclaw, Rynek nachts

Der ähnliche Blick, wie auf dem Titelbild - nur am späten Abend: Die Nordseite des Rynek.

 

 

 

Das Schema ist immer das gleiche: Plump und forsch kommt jemand auf mich zugestratzt - zu drei Vierteln junge hübsche Mädchen, die beinahe schon meine Enkelinnen sein könnten. Es ergießt sich blitzschnell ein ganzer Schwall an polnischen Sätzen über mich. Bei den ersten Damen bin ich noch höflich und antworte freundlich, dass ich kein polnisch verstehe und ob man denn Englisch sprechen würde? Aber ich mach mir auch nichts vor: Dass ich kein Pole bin, wissen die sowieso schon längst und haben mir das sofort an der Nasenspitze angesehen - aber auf diese Höflichkeit bauen die jungen Leute natürlich. Denn schließlich ist man dann schon gewissermaßen in Kontakt, im Gespräch. Es folgt ein Schwall an Englischen Worten, aber, nein, ich will in keine Bar - sage bei den ersten "Damen" noch höflich ab, die zunächst noch weiterhin drängen, offenbar verblüfft von der Höflichkeit. Ich werde mit der Zeit schroffer, einsilbiger, abweisender - kann allerdings immer schon acht, neun, zehn Meter weiter beobachten, wie sich das nächste Mädchen dazu bereit macht, mich vollzuquatschen. Ein Spießrutenlauf!

Oh, Mensch! Wie doof, dumm und nervig ist das denn eigentlich? Ist die Not hier in Wrocław so groß, dass man so ein extrem aufdringliches Verhalten nötig hat? Sicherlich, es ist für die Schlepper heute besonders schwierig: Sonntag Abend, schlechtes Wetter, ich momentan fast als einziger Tourist hier noch auf dem Rynek unterwegs. Da scheint der Druck, irgendwelche Kunden abzuschleppen, besonders hoch zu sein.

Und ich - ich will doch nur mal ein paar Fotos machen. Ich muss doch wissen, was meine neue, aber billige Kamera so hergibt.

 

 

 

Eigentlich aber hatte ich von Wrocław etwas anderes erwartet. Hatte erwartet, dass es freundlicher, kultivierter zugeht. Aber nachdem ich einige Stunden hier bin, steht die Stadt Wrocław für mich plötzlich und völlig überraschend in einer Reihe mit Mumbai (dort wurde auf ähnlich aggressive Weise gebettelt - aber dort war elendige Not auch an allen Ecken und Enden extrem sichtbar) und mit Antalya (wo in der Altstadt vor rund 25 Jahren ein ähnlich forsches Herangehen an die wenigen verbliebenen Touristen üblich zu sein schien, die sich nach einigen Terroranschlägen noch in das Land getraut hatten. Dort war man sogar noch um einiges aggressiver und packte mich mehrfach kräftig am Arm, um mich mit roher Gewalt in ein Geschäft hinein zu zerren - unglaublich!).

Später im Verlauf der Woche ist man in Wrocław dann nicht ganz so massiv und gnadenlos im Angriff auf meine Geldbörse - aber es sind immer auch wesentlich mehr potentielle Opfer unterwegs. Die Angriffe verteilen sich dann halt auf mehr Leute. Aber es bleibt in der ganzen Woche ein unangenehmes Erlebnis, abends über den Rynek zu gehen. Ich meide ihn in den folgenden Tagen lieber und schlage einen Bogen um ihn herum.

Und irgendwie ist es ja schade, wenn man einen solch eigentlich wunderschönen Platz meidet, oder?

Breslau, Durchgang Tuchhallen

Blick aus einem Durchgang zu den Tuchhallen auf Gebäude auf der Westseite des Ryneks von Wrocław.

 

 

 

In den knapp fünf Tagen Krakau, die ich zuvor verbracht hatte, hatte es übrigens auch ein paar solcher Abschlepp-Versuche gegeben. Der große Unterschied jedoch: In Krakau reagieren die Schlepper sofort, wenn man durch ein kleines Zeichen zu verstehen gibt, dass man einfach kein Interesse hat - und lassen einen dann auch in Ruhe. Hier in Wrocław reagieren die Schlepper auf nichts, sind einfach nur plump. Und man wird auf diese Weise als Tourist selber zu plumpen Verhalten gezwungen. Das will ich eigentlich gar nicht, es ist mir unangenehm.

Andere männliche Mitglieder meiner Gruppe (ja - ich bin hier in Wrocław mit einer Gruppe unterwegs!) bestätigen mir im Übrigen, dass sie ähnlich offensiv und forsch angegangen werden. Und genervt sind davon! Irgendwann frage ich ein junges, weibliches Gruppenmitglied, ob sie mich nicht mal für eine abendliche Runde auf dem Rynek begleiten könne - quasi als weibliches Schutzschild. Sie findet das sehr amüsant, aber da ich nicht nachhake und selber auch gar nicht mehr so wild auf den Rynek bin, kommt es nicht dazu.

Aber - hallo Wrocław!!!? Hallo Breslau??? Was ist denn da los? So etwas Doofes hast Du doch wirklich überhaupt gar nicht nötig!

Breslau, Gebäudedetails

Blick auf Details eines Gebäudes an der Westseite des Rynek. Sehr schön!

Denn: Eigentlich ist das moderne Wrocław eine tolle Stadt! Eine sehr sehenswerte, ja, eine großartige Stadt! Schon allein die Lage an der Oder mit den vielen Inseln, auf denen die Stadt historisch gewachsen ist, ist schlicht toll! Ohne Zweifel ist Wrocław eine Reise wert. Und ohne Zweifel werden die Touristen auch so genügend Geld in die Stadt tragen. Schließlich ist Wrocław in diesem Jahr 2016 Europäische Kulturhauptstadt! Da braucht man diese Rudel an jugendlichen, amateurhaften Schleppern, die einem Teile der historischen Innenstadt madig machen, doch überhaupt nicht! Was für ein Unfug!

 

WIEDER MAL ZEIT FÜR EINEN BILDUNGSURLAUB

Aber, ja, Sie haben richtig gelesen: Ich bin in Breslau in einer Gruppe unterwegs! Sonst nicht so sehr meine bevorzugte Reiseform. Aber hier geht es nicht anders, denn: Acht Jahre, nachdem ich meinen letzten Bildungsurlaub gemacht habe (s. meinen Reisebericht über Vilnius in Litauen aus dem September 2008), hat es mal wieder geklappt, dass ich dieses in den meisten Bundesländern eingeräumte Recht zur persönlichen Fortbildung mal wieder für mich nutze.

In vielen Firmen und Betrieben scheint es üblich zu sein, dass man - wenn man denn dieses Recht auf Bildungsurlaub denn überhaupt schon mal in Anspruch nimmt! - sich irgendwie fachlich-inhaltlich und berufsbezogen weiterbildet. Dies ist jedoch gar nicht die erklärte Absicht hinter einem Bildungsurlaub. In meinem Hamburger Bildungsurlaubsgesetz steht bereits in Paragraph 1 unter anderem, dass Bildungsurlaub auch und vor allem der politischen Weiterbildung dienen solle. Man wird für eine Woche pro Jahr vom Dienst freigestellt (unter Beibehaltung der Bezüge), muss jedoch die Kosten der Veranstaltung (die für das jeweilige Bundesland ausdrücklich zugelassen sein muss) komplett selber tragen.

Ein gerechter Deal, finde ich. Und eigentlich ist es für einen Arbeitnehmer doch Unfug, dies NICHT zu nutzen! Dies habe ich ja nun jahrelang selber auch nicht getan. Wobei ein wenig Pech hinzu kam: Vor zwei Jahren hatte ich einen interessanten Kurs in Kiew gebucht, bis sich nach einiger Zeit herausstellte, dass dieser für mein Bundesland nicht genehmigungsfähig war und ich wieder zurückziehen musste. Und im Vorjahr musste ich sehr kurzfristig einen schon ein Jahr zuvor gebuchten Bildungsurlaub in Albanien absagen, aus gesundheitlichen Gründen. Pech gehabt!

Aber aller guten Dinge sind drei, und der dritte Anlauf klappt - und jetzt bin ich also hier in Polen. In der früheren deutschen Stadt Breslau, dem jetzigen polnischen Wrocław.

Polen ist ein Land, das ich seit Jahrzehnten immer wieder mal bereise. Die erste Reise im Jahr 1987, gleich über zwei Monate, nach Poznań hat bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Seitdem mag ich dieses Land und bin immer wieder mal gerne hier. Aller politischen Idiotien der Zeiten zum Trotz.

 

EIN FRÜHERER AUFENTHALT IN WROCŁAW - OHNE ERINNERUNGEN

Sonderbar jedoch: 1987 war ich vor allem im Rahmen meines Studiums in Polen, hatte jedoch gegen Ende des Aufenthalts auch Zeit, noch ein wenig durch das Land zu reisen. Und dabei war ich auch für vier Tage in Wrocław (damals war es in Polen noch verboten, die Stadt beim deutschen Namen Breslau zu nennen - mittlerweile ist man da wesentlich entspannter). Und komischerweise habe ich nur einzelne, sehr schemenhafte und eher nebensächliche Erinnerungen an diesen Aufenthalt 1987. Irgendwie war die Stadt selber offenbar komplett "an mir vorbeigerauscht". Vielleicht waren meine Aufnahmefähigkeiten nach rund sieben Wochen Aufenthalt in der sozialistischen Volksrepublik Polen aber auch schon schlicht erschöpft...?

Meine kompletten Erinnerungen an Wrocław von 1987: Die Unterbringung war in einem Studentenhotel etwas außerhalb des Zentrums. Auf dem Weg dorthin kam ich an einer auffälligen, großen Halle vorbei (der Jahrhunderthalle - die kannte ich damals allerdings noch nicht als etwas besonderes). Das Zimmer teilte ich 1987 mit einem Japaner - was ich damals extrem spektakulär fand! Ja, in Studentenwohnheimen in Polen, die im Sommer teilweise in Studentenhotels umgewandelt wurden (und heute wohl auch noch werden), teilte man damals üblicherweise die Zimmer mit ein bis drei anderen Studenten. Und, zugegeben - ein wenig fragte ich mich damals schon: Wenn man denn aus dem damals für mich unendlich weit entfernten Japan nach Europa kommt, warum treibt man sich denn ausgerechnet in dem grauen, sozialistischen Polen herum??

Immerhin habe ich den Stadtplan von damals verwahrt, er hatte mich umgerechnet 33 Pfennige gekostet. Und ich habe dort markiert, wo meine Unterkunft damals war - im östlichen Stadtteil Biskupin. Aber Bilder davon habe ich nicht mehr im Kopf.

Meine Erinnerung an Wrocław 1987 gibt noch her, dass ich mit dem japanischen Zimmerkollegen dann auch einen kompletten Tag in Wrocław unterwegs war, klassisches Sightseeing. Aber ich erinnere von dem Rundgang durch die Stadt nichts! Kein Eindruck, der blieb - wie komisch! Lediglich das Rathaus habe ich noch im Sinn - aber das ist ja eh das Wahrzeichen von Wrocław, das kennt man sowieso von Bildern. Kein einziges Foto habe ich damals in den Tagen in Wrocław gemacht. Sehr ungewöhnlich für mich - auch damals schon. Einen Tag bin ich zudem mit dem Zug (1987 z.T. noch mit Dampfloks) in der Gegend unterwegs gewesen, in Richtung Süden, Richtung Riesengebirge, nach Jelenia Gora, Wałbrzych und Karpacz. Immerhin erinnere ich mich an einen sensationell schönen Blick von Karpacz aus auf den 1603 m hohen Berg Schneekoppe - der Gipfel im Grenzgebiet zwischen der Volksrepublik Polen und dem Staatsgebiet der CSSR war für mich als Bundesbürger ohne zusätzliches Visum damals allerdings absolut unerreichbar!

Karpacz 1987

Immerhin: In Karpacz habe ich 1987 doch mal zur Kamera gegriffen. Ein traumhaft schön gelegener Ort!

Das alles beschreibt in der Tat schon tatsächlich alles, was ich von den damaligen vier Tagen in und um Wrocław erinnere. Damals war man in Polen noch sehr empfindlich mit der Benennung der Städte, die deutschen Ortsnamen waren verboten und extrem verpönt. Darum ist Breslau für mich einfach mal Wrocław geworden. Und ist es auch heute noch.

 

BILDUNGSURLAUB IN WROCŁAW

Aber in der Stadt Wrocław muss doch mehr sein, als ich erinnere! Das ist mir völlig klar, als ich jetzt, im April 2016 wieder nach Wrocław fahre. Fast 29 Jahre nach meiner letzten Reise hierhin hat sich die Stadt sicherlich sehr verändert. Der Sozialismus ist aus Polen herausgefegt worden, Gott sei Dank! Es ist bunt und lebendig geworden in Polen.

Und das Jahr 2016 beschert Wrocław eben ein Jahr allgemeiner europäischer Aufmerksamkeit: Man ist in diesem Jahr Europäische Kulturhauptstadt.

Damit hat das Thema meines Bildungsurlaubs jedoch nichts zu tun. Dessen Titel lautet: "Aus Breslau wird Wrocław - Eine europäische Stadt erfindet sich neu". Viel beschäftigen wir uns in dieser Woche mit der deutschen Vergangenheit der Stadt, recht wenig jedoch leider mit der Neuerfindung einer Europäischen Stadt. Wir treffen zu Gesprächen verschiedene Mitglieder der deutschen Minderheit, die immer wieder überaus interessante Geschichten zu erzählen haben - vor allem von der Mühen des "deutsch-seins" in der unmittelbaren Nachkriegszeit und auch später im sozialistischen Polen.

Teil des Bildungsurlaubs: Wann und wo hat man schon mal einen ganzen Tag Zeit für einen Stadtrundgang? Mit sehr ausführlichen Infos zu Geschichte und Gegenwart einer Stadt? Im Rahmen des Bildungsurlaubs wird dies am ersten Tag so gemacht - mit einer riesigen Menge an Informationen. Das finde ich schlicht: Toll und interessant!

In der Folge führen uns die Wege sehr häufig zu kirchlichen Institutionen: Das Kloster des Franziskaner-Ordens und die angegliederten Behinderten-Werkstätten werden besucht, eine jüdische Schule, der jüdische Friedhof und die Synagoge zum Weißen Storch, die deutsche evangelische Gemeinde.

Breslau, Synagoge zum Weißen Storch

Blick in die "Synagoge zum Weißen Storch" in Wrocław / Breslau.

 

 

 

Zum jüdischen Glauben bekennen sich nur wenige hundert Bewohner von Wrocław - in den 1920er Jahren waren dies rund 23.000. Aber auch das Verhältnis des sozialistischen Polens zu den Juden war nicht unkompliziert. Jüdisches Leben findet man heute nur wenig in Wrocław. Der Rabbiner, der uns zu einem Informationsgespräch empfängt, ist offen und direkt genug, einzugestehen, dass das jüdische Leben in Wrocław mit seinen 300 Aktiven derzeit eine echte Krise durchmache. Außergewöhnlich seine Bereitschaft, uns die Torarollen in der Synagoge vorzuführen sowie den Ablauf des jüdischen Gebets zu erläutern. Herzlichen Dank dafür!

Auf schwere Zeiten haben auch die anderen besuchten kirchlichen Institutionen zurückzublicken. Als Deutscher oder Deutschstämmiger musste man, den Schilderungen zufolge, viel Durchhaltevermögen, dickes Fell und wohl auch Gutmütigkeit mitbringen, um durch die Jahrzehnte zu kommen, in denen man in Polen im Allgemeinen nicht gut auf Deutsche zu sprechen war - um es mal freundlich auszudrücken.

Neben den kirchlichen Besuchen gibt es anderes Beeindruckendes, wie bei dem Besuch der "Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft in Breslau". Die in Ehren ergrauten Mitglieder der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft (DSKG) pflegen inzwischen wieder unkompliziert ihr deutsches Brauchtum. Aber gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und in den Jahrzehnten danach haben alle extrem schwere Zeiten erlebt, über zumindest zwei Jahrzehnte Demütigungen und auch Gewalt ausgehalten - der Hass gegen die Deutschen war in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg unermesslich. Deutsche Kultur war in der Öffentlichkeit verboten, es gab unter den wenigen in der Region verbliebenen Deutschen einen gewissen Zusammenhalt, aber deutsche Sprache durfte nur im Geheimen gesprochen werden. An die allgemeine Pflege deutscher Kultur war lange Zeit gar nicht zu denken.

Das ist - glücklicherweise! - spätestens seit dem Ende des Sozialismus in Polen anders. Auch die deutsche Minderheit genießt jetzt einen Minderheitenschutz (der allerdings der aktuellen Staatsführung schon wieder viel zu weit geht), die deutsche Sprache wird wieder gepflegt. Auch die historischen deutschen Städtenamen finden wieder Verwendung, manchmal sogar auf Ortsschildern - allerdings findet man sie nach wie vor nicht auf polnischen Landkarten. Wenn man solche Zusammenhänge von einer hellwachen 85jährigen Dame geschildert bekommt, die die Vorsitzende des Vereins DSKG ist und all die Zeiten in Schlesien miterlebt hat, dann kann man nur beeindruckt sein. Ob dies auch der Bundeskanzlerin Merkel so ging? Jedenfalls findet sich in den Räumen der DSKG ein Foto von der Bundeskanzlerin gemeinsam mit der Vorsitzenden des Vereins.

Breslau, im deutsches Konsulat

Die Gesprächsrunde im deutschen Konsulat Breslau spiegelt sich im Kronleuchter. Und über allem wacht der Bundespräsident Gauck.

 

 

 

Toll aber auch die jungen Menschen, denen wir begegnen, und die zum Beispiel als Lehrer in der jüdischen Schule oder als Betreuer in den Behinderten-werkstätten des Franziskaner-klosters tätig sind. Wache, sehr engagierte, entspannte junge Leute - es gibt sie auch in Polen zuhauf. Mir gefällt das gut!

Zusammenfassend kann ich da nur sagen: Was für Begegnungen! Was für beeindruckende Menschen, die einem da begegnen! Dramatischen Lebensgeschichten hört man. Und das beeindruckt mich in dieser Woche nicht nur, sondern es erdet mich auch - wieder einmal. Sind meine Sorgen da nicht oftmals Kinkerlitzchen gegen das, was die Menschen hier über lange Zeiten er- und durchlebt haben? Alle diese Personen erscheinen mir ausgesprochen willensstark und wie von einer Berufung getragene Persönlichkeiten.

Was ich durch diese kurzen Schilderungen zeigen will: Ein solcher Bildungsurlaub schafft interessante Begegnungen, die man ansonsten als Tourist wohl nur im glücklichen Ausnahmefall und vereinzelt mal hat! Dies gibt einen völlig anderen, intensiveren Blick auf ein Land oder eine Region, als man ihn sich allein verschaffen kann. Eine unbedingt empfehlenswerte Art zu Reisen!

Breslau, Jahrhunderthalle innen

Eine Innenansicht der Jahrhunderthalle zeigt die kühne Stahlbeton-Konstruktion der Kuppel.

Allerdings: Eigentlich alles, was aktuell politisch interessant gewesen wäre und spannende Themen ergeben hätte, wurde umgangen bzw. ausgespart. Das ist sicherlich sowohl der allgemeinen Thematik des Bildungsurlaubs geschuldet und auch den ausgewählten Begegnungen.

Flüchtlingsproblematik? Auf Nachfrage gibt es nur ein sehr kurzes Statement eines Geistlichen, das mir ein wenig das Blut in den Adern gefrieren lässt: Es wolle doch gar kein Flüchtling nach Polen, die würden doch alle nur nach Deutschland wollen - was solle also der Unfug, in Polen überhaupt irgendwelche aufzunehmen? Und niemand in Polen wolle das! Tja... Kann man sich wirklich so billig aus einem Problem, das mittlerweile die halbe Welt betrifft, herausstehlen?

Totalitäre Tendenzen der neuen national-konservativen polnischen Regierung? Abwendung von Europa? Entmachtung staatlicher Institutionen wie dem polnischen Verfassungsgericht? Einschränkung der Pressefreiheit? Nahezu totales Verbot der Abtreibung? Sicherlich alles brisante Themen, womöglich sehr sensible und schwierige Themen für unvoreingenommene deutsch-polnische Diskussionen - und alles kein Thema in diesem Bildungsurlaub.

Wie schade! Polen ist derzeit rückwärts gewandt. Rückwärts - aber wohin denn nur? In den strammen Nationalismus, aber das bitte nur mit dem Geld der EU?

Es betrübt mich, dass in Polen mittlerweile auch und vor allen die Angst regiert, die Angst vor jeder kleinen Veränderung. Eigentlich unvorstellbar für mich! Als ich Polen in den 1980er Jahren kennenlernte, bewunderte ich den Mut, die Unbeugsamkeit und die Courage der Menschen dort mit ganzem Herzen. Der mächtigen, hochgerüsteten Sowjetunion und deren zehntausende in der Volksrepublik Polen bis an die Zähne bewaffneten stationierten sowjetischen Soldaten bot man nicht aggressiv, aber beharrlich die Stirn und ließ sich über Jahrzehnte einfach nicht einschüchtern. Heute aber verzagt man, wenn gerade 7000 Flüchtlinge ins Land kommen sollen, die nichts haben, als die Kleidung, die sie tragen. Und man reduziert diese Zahl schnellstmöglich auf fast null - besser keine Nächstenliebe mehr im streng katholischen Land. Die Angst vor... irgendetwas, sie ist einfach zu groß!

Ja - was ist denn bloß los? Mein liebes Polen, wie hast Du Dich nur verändert... Das ist jämmerlich! Allerdings, es gilt wie immer: "Noch ist Polen nicht verloren" - wie es zu Beginn der polnischen Nationalhymne heißt.

 

 

EIN PAAR WORTE ÜBER DIE GESCHICHTE VON WROCŁAW / BRESLAU

Vielleicht ist das mal ein guter Punkt, um ein paar Worte über die jüngste Geschichte von Wrocław / Breslau loszuwerden - so, wie sie mir in dem Bildungsurlaub vermittelt wurde. Natürlich können andere im Internet die Geschichte der Stadt viel präziser und ausführlicher darstellen - aber das ist ja auch nicht der Sinn und Zweck meiner Reiseberichts-Seiten. Hier also nur ein kurzer Abriss, bei Bedarf für mehr schaue man gerne auf die Seiten von Wikipedia oder der Bundeszentrale für politische Bildung.

Lange Zeit ist Breslau eine deutsche Stadt gewesen - eine der größten und wichtigsten deutschen Städte. Es gab zeitweilig auch böhmische, ungarische, österreichische und preußische Herrschaft und entsprechenden Einfluss auf die Stadt, aber seit 1741 war Breslau die preußische und dann deutsche "Boomstadt" in Niederschlesien mit einem kurzen französischen Intermezzo durch Napoleon. Die hohe wirtschaftliche Bedeutung im 19. Jahrhundert zog die Stadt vor allem aus dem Handel mit Erz und Kohle, aber auch durch die Industrie, z.B. Chemische und Metallindustrie.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs lebten in Breslau rund 620.000 Menschen. Die Zahl der Einwohner nahm im Laufe der Kriegsjahre zu, bis auf 800.000 Menschen - Grund dafür: Die Reichweiten der Bomber der Alliierten reichten lange Zeit nicht bis nach Breslau, man fühlte sich dort lange Zeit also einigermaßen sicher.

Breslau, Markthalle

Was aussieht, wie eine Mischung aus Jahrhunderthalle und Kathedrale ist die Markthalle (Hala Targowa) von Wrocław / Breslau. Sie ist errichtet 1908, also etwas älter, als die Jahrhunderthalle - aber die markanten Stahlbetonbügel sind doch recht ähnlich.

 

 

 

Das änderte sich nicht nur mit dem Vorrücken der Roten Armee auf die Stadt, auch mit dem großen sowjetischen Bombenangriff am 1. und 2.4.1945 nahm die Bedrohungslage in der Stadt in der Schlacht um Breslau massiv zu. Die Menschen flüchteten aus der Stadt bereits zuvor in Massen. Als Breslau am 6.5.1945 kapitulierte und die Rote Armee die zu 70 Prozent in Ruinen liegende Stadt einnahm, lebten hier noch geschätzte 200.000 Menschen. 170.000 Zivilisten verloren in Breslau das Leben, so jedenfalls eine Schätzung. Nicht nur durch die Kämpfe wurden der Stadt, die zur "Festung" erklärt worden war, schwere Zerstörungen zugefügt - auch die Deutschen selber sorgten in der Endphase des Krieges noch für massive Zerstörungen. Geradezu legendär ist der Bau einer Start- und Landebahn für Flugzeuge mitten in der Stadt. Hierfür wurden ganze Straßenzüge im Gründerzeitviertel von den Deutschen gesprengt - und doch flog nur ein einziges Flugzeug auf diesem absurden "Flugplatz": Es brachte den deutschen Gauleiter Hanke in Sicherheit, der aus Sorge um sein Leben aus der Stadt flüchtete und die "Festung Breslau", für die er verantwortlich war, einen Tag vor deren Kapitulation sich selber überließ.

 

 

 

Nach Kriegsende war mit dem Exodus der Stadt aber noch nicht Schluss. Schlesien wurde nach dem Beschluss der Potsdamer Konferenz dem polnischen Staat zugeschlagen - also auch Niederschlesien mit Breslau. Mir selber erscheint es heute auch verständlich, dass man im "neuen Polen" nach Krieg und Holocaust mit "den Deutschen" nichts mehr zu tun haben wollte - es setzte die große Vertreibung der Deutschen ein. Hunderttausende mussten das Land zwangsweise verlassen, wurden auf deutsches Staatsgebiet gebracht. Nur wenige tausende durften im Gebiet um Breslau bleiben, einige wenige mussten aufgrund besonderer beruflicher Fähigkeiten auch bleiben und durften das Land gar nicht verlassen.

Unmittelbar nach Ende des Krieges kehrten viele Deutsche zunächst zwar nach Breslau zurück, man kann von 300.000 Deutschen und wenigen polnischen Bewohnern in Breslau im Juli 1945 lesen. Im Jahr 1948 hatte sich dies komplett verändert: 300.000 Polen lebten mit 7.000 Deutschen in der Stadt. Woher kamen die Polen in der Stadt? Ganz einfach: Der Staat Polen hatte nach dem Weltkrieg ja nicht nur Fläche im Westen hinzubekommen, sondern im Osten auch Fläche an die Sowjetunion verloren. Und dort setzte ebenfalls ebenfalls eine große Vertreibung ein, hunderttausende Polen machten sich von dort aus auf den Weg nach Westen. Besonders aus dem Gebiet der Stadt Lemberg (dem heute zur Ukraine gehörenden Lwiw) wurden Menschen zwangsweise nach Breslau übergesiedelt. Binnen kürzestes Zeit wurde die Bevölkerung der Stadt also quasi komplett ausgetauscht - bis auf ganz wenige verbliebene. Aus der lange Zeit deutschen Stadt Breslau wurde binnen kürzester Frist das polnische Wrocław, fast komplett besiedelt mit Menschen aus der heutigen Ukraine.

Welch ein Drama!

Gibt es eigentlich vergleichbares in der Geschichte der Welt? Die Bevölkerung einer Stadt mit hunderttausenden Bewohnern binnen weniger Jahre komplett austauschen - gibt es dafür irgendwo ein Modell? Mir ist da kein Beispiel bekannt.

Den neu Hinzugezogenen wurde zunächst erklärt, dass dies nur eine vorübergehende Maßnahme für zehn oder zwanzig Jahre sei. Diese Menschen kamen also nicht mit dem Gefühl nach Breslau/Wrocław, dass dies nun "ihre neue Stadt" sei - sondern nur so eine Art Zwischenstation. Da gibt man sich nicht unbedingt von vornherein richtig viel Mühe mit Stadtplanung oder Restaurierungen... Erst mit der Zeit wurde klar: Es wird kein Zurück nach Lemberg/Lwiw geben! Und erst langsam stellte sich bei den Zugezogenen ein Gefühl von Heimat "wieder" ein.

Breslau, Dominsel abends

Abends wunderbar beleuchtet: Die Brücke Most Tumski und im Hintergrund Kreuzkirche links und Johannes-Kathedrale rechts.

 

 

 

Heute hat Breslau wieder gut 630.000 Einwohner. Mit 150.000 Studenten prägen junge Leute das Stadtbild stark - eine Studentenstadt. Zur deutschen Minderheit gehören 2011 rund 5.000 Einwohner in der gesamten Wojewodschaft Niederschlesien.

Aus dem ergibt sich, dass es eigentlich logisch wäre, nun anschließend einen Bildungsurlaub in Lemberg (Lwiw) anzuschließen... Und, in der Tat: Es gibt da einen Anbieter.

 

EINIGE EIGENE ERKUNDUNGEN MIT DER ERKENNTNIS: WROCŁAW / BRESLAU IST EINE SEHR SCHÖNE STADT!

Aber natürlich bleibt neben dem Bildungsprogramm auch noch Zeit, die Stadt auch auf eigene Faust zu erkunden.

Nach dem jeweiligen Ende des Tagesprogramms begebe ich mich meist so gegen 17 Uhr auf eigene Wege - also auf eher touristische Pfade. Und das ist in Wrocław sehr lohnend, es gibt in der Stadt viel zu entdecken. Da es Mitte April in der Stadt gegen 19:30 Uhr erst dunkel wird, bleiben  Möglichkeiten genug. Es ist dann eher die Frage, wie viel Energie man noch aufbringt.

Breslau, Sandinsel

Blick von einer Oder-Insel zur anderen: Von der kleinen Sandinsel zur großen Dominsel.

 

 

 

Und mir hat es in Wrocław am besten gefallen - am Fluss Odrą / Oder. Bevor ich nun nach Wrocław kam, war mir gar nicht mehr richtig bewusst, dass die Stadt an der Oder liegt - und zu diesem Fluss habe ich ja durch diverse Radtouren eine gewissen Affinität (Radtour auf dem Oder-Neiße-Radweg oder auf dem Oderbruchbahn-Radweg). Die Oder hat die Stadt Breslau sehr stark geprägt. Die Ursprünge von Wrocław liegen auf Oderinseln: Der Sandinsel und Dominsel.

Und nachdem ich um das touristische Zentrum am Rynek ja abends eher einen Bogen mache, gefällt es mir umso besser an der Oder. Der Uferbereich ist teilweise sehr schön gestaltet, die neu errichtete Uferpromenade lädt zum flanieren und verweilen ein - was viele Einheimische offenbar auch gerne tun. Und ich schließe mich da ebenso gerne an. Und, obendrein: Hier werde ich in Ruhe gelassen, keine Schlepper weit und breit. Die schöne neue Promenade kann jeder so genießen, wie sie oder er will. Und besonders schön ist es hier in der Abenddämmerung, wenn man einen schönen Blick auf die vielen beleuchteten, historischen Gebäude hat. An einem schon etwas lauen Abend sammelten sich viele, viele junge Leute am Ufer der Oder. Das Ufer wird zur Partyzone - eine Studentenstadt eben, mit dann sehr lässigem Lebensgefühl. Ist das hier wirklich noch Polen - so relaxt, wie die jungen Leute hier sind?

Eindrucksvoll natürlich die Gebäude an der Oder: Das Hauptgebäude der Universität direkt am Ufer der Oder wirkt bei der abendlichen Beleuchtung eher wie ein großes Königsschloss. Ein besonderes Highlight ist sicherlich die Besichtigung der Aula der Universität (im Rahmen des Stadtrundgangs). Die üppige barocke Pracht erschlägt einen geradezu - aber, was für ein erhebendes Gefühl muss es sein, wenn den Studenten nach dem Abschluss ihres Studiums hier in dieser großartigen Umgebung im feierlichen Rahmen das Diplom überreicht wird? Dies wird nach wie vor so gehandhabt. Außerdem erwähnenswert: Vom Astronomischen Turm der Universität hat man einen schönen, zentralen Blick über die Innenstadt von Wrocław.

Breslau, Blick vom Astronomischen Turm

Blick vom Astronomischen Turm der Universität über die Innenstadt von Wrocław / Breslau. Fern im Hintergrund zu sehen ist der 212 m hohe "Sky Tower", höchstes Gebäude der Stadt und zweithöchstes Gebäude Polens.

Die Johannes-Kathedrale auf der Dominsel lugt beeindruckend über die Oder zum Zentrum herüber. Wenn man aus der Innenstadt hinüber zur Dominsel gehen will, muss man zunächst auf die winzig kleine Sandinsel. Die dorthin führende knallrot lackierte "Most Piaskowy", die "Sandbrücke", ist die älteste noch erhaltene Brücke in Wrocław: 1861 erbaut. Sie ist heute ein Baudenkmal der Stadt.

Auf der Sandinsel dann stößt man neben der Kirche "St. Maria auf dem Sande" (Kościół Najświętszej Marii Panny na Piasku) auf eine Statue, die mit ein wenig Hintergrundwissen beeindruckend ist: Dem Kardinal Bolesław Kominek ist hier ein aufwändiges Denkmal gewidmet. Mir war der Umstand bisher völlig unbekannt: Im Jahr 1965, als das Polen der Nachkriegszeit noch immer keine diplomatischen Kontakte zur Bundesrepublik Deutschland hatte, schrieb der Kardinal im Namen der polnischen Bischöfe an die bundesdeutschen Kollegen einen Hirtenbrief mit einer Einladung zu den Feierlichkeiten aus Anlass des 1000. Jahrestags der Christianisierung Polen. Ebenso berühmt wie vieldiskutiert enthielt dieser Brief mit Bezug auf die jüngste deutsch-polnische Vergangenheit den Satz: "Przebaczamy i prosimy o przybaczemie": "Wir vergeben - und bitten um Vergebung" (hier gibt es den vollen Text des Briefes und der Antwort hierauf in deutscher Übersetzung). Ein Satz in vollem christlichen Verständnis, der (zwanzig Jahre nach ende des Zweiten Weltkriegs!) ganz vorsichtig erste Türen zwischen beiden Ländern wieder öffnete. Eine große Geste, eine historische polnisch-deutsche Begebenheit, veranlasst durch den Breslauer Kardinal Bolesław Kominek, dem hier mit dem Denkmal angemessen Rechnung getragen wird.

Breslau, Blick zur Dominsel

Ein wunderschöner Blick am Abend: Von der Brücke zur Sandinsel über die Oder hinüber zur Dominsel mit der beleuchteten Johannes-Kathedrale.

Breslau, Kardinal Kominek Denkmal

Ehre, wem Ehre gebührt: Kardinal Bolesław Kominek hat sich in den 1960er Jahren sehr um die polnisch-deutsche Verständigung nach dem Krieg verdient gemacht. Berühmt der Satz "Wir vergeben und bitten um Vergebung" in seinem Brief an deutsche Bischöfe.

Aber so ganz zufrieden bin ich mit meinen eigenen Wegen durch die Stadt nach Ende der Reise nicht so richtig. Denn: Diese Spaziergänge beschränken sich fast nur auf den Bereich der Innenstadt. Es fehlt mir ein wenig, mich einfach mal durch Wohngegenden herumzutreiben - ich schaue mir in unbekannten Städten immer gerne an, wie denn die Normalbürger so wohnen. Oder mal an den Stadtrand zu fahren oder, speziell in Wrocław, die Oder mit all den Inseln etwas mehr zu erkunden - für diese eher aufwändigen Dinge bleibt einfach zu wenig Zeit neben dem Bildungsurlaubsprogramm. Schade!

Und, ach - bitte, bitte!, verstehen Sie mich nicht falsch: Der zentrale Rynek, also der Große Ring, ist natürlich ohne jeden Zweifel das großartige, wunderschöne Zentrum der Stadt! Wie in den meisten polnischen Städten war dieses Zentrum der Stadt Breslau nach dem Zweiten Weltkrieg weitestgehend zerstört und ist danach in mühevoller Kleinarbeit wieder aufgebaut worden. Solch eine Leistung kann man in vielen polnischen Städten bewundern - auch hier. Aber der Rynek in Wrocław ist eben auch ganz eindeutig das touristische Zentrum der Stadt - was sich abends, wie eingangs geschildert, für Touristen leider zuweilen unangenehm auswirken kann. Aber, nun gut: Dies sollte auch nicht überbewertet werden. Tagsüber allerdings bleibt man von den Schleppern zumeist unbehelligt und kann die Großartigkeit des Platzes, sowie des Rathauses und der Tuchhallen auf seiner Mitte genießen.

Wie schon erwähnt: Ein Anlaufpunkt von mir ist es in unbekannten Städten fast immer, zu schauen, wie abseits der Touristenströme normale Wohngebiete aussehen, wie das Leben dort so auf mich wirkt. Besonders ausgiebig habe ich dies in Wrocław eben leider kaum gemacht. Auf den Wegen des offiziellen Bildungsprogramms kamen wir allerdings immer mal wieder in verschiedene Wohnbereiche. Da war eigentlich alles dabei: Von großzügigen Vierteln mit historischen Villen bis zu sanierten Überresten sozialistischer Plattenbauten. Eigentlich wirkte die Stadt von der Wohnstruktur, aber auch vom allgemeinen Leben her nicht viel anders, als eine deutsche Stadt - nun, gut: Wegen der sozialistischen Plattenbauten, vielleicht wie eine ostdeutsche Stadt.

Breslau, Blumenmarkt

Blumen kann man auf dem direkt an den Rynek angrenzenden Salzmarkt rund um die Uhr kaufen.

Aufgefallen ist mir immer wieder, dass in Wrocław offenbar auch richtig edle Restaurants Konjunktur haben. Oft hatte ich das Gefühl, dass es eine ganze Menge von "sehen und gesehen werden" zu tun hat, dorthin zu gehen. Eine für mich in Polen neue Nuance. Aber: Es scheint in Wrocław nicht wenige zu geben, denen es wirtschaftlich offenbar richtig gut geht und die sich teures Ausgehen leisten können und wollen. Und das ist doch auch zu aller erst mal höchst erfreulich! Denn: Noch verblüffend gut kann ich mich an Erlebnisse 1987 in Polen erinnern, als für durchschnittliche Polen ein einfacher Restaurantbesuch nahezu unerschwinglich war - auch, wenn dieser umgerechnet nicht mal umgerechnet eine Mark pro Person kostete...

Zauberhaft und charmant sind aber natürlich auch die vielen Zwerge, die in Wrocław an vielen Orten auf ihre Fans und Bewunderer warten. Diesen charmanten kleinen Gnomen habe ich ja bereits eine Extra-"Zwerge-in-Breslau"-Bilderserie gewidmet. Sie sind eine Besonderheit in Wrocław - auch, weil sie nicht zur Touristen-Bespaßung dort stehen, sondern ja durchaus ihre etwas aufrührerische Geschichte haben

Insgesamt ist Wrocław - das ehemalige deutsche Breslau - eine tolle, vielfältige, lebendige und mit den auffällig vielen Studenten junge Stadt und zweifellos eine Städtereise wert. Es hat mir Spaß gebracht, dort eine Woche zu verbringen! Und als ich dann abreiste, hatte ich die Gewissheit, einiges Sehenswertes gar nicht gesehen bzw. nicht angemessen gewürdigt zu haben - aber das ist eben auch ein wenig dem Rahmen der Reise geschuldet, mit dem recht straffen Seminarprogramm.

Andererseits: Vor allem durch den Umstand, dort im Rahmen eines Bildungsurlaubs auch viele Facetten der Stadt kennenzulernen, die einem bei einem normalen touristischen Besuch eher nicht begegnen, wurde der Aufenthalt eben auch besonders interessant und gewinnend. Von daher kann ich nur dazu ermuntern, solche Bildungsgelegenheiten zu nutzen - wenn sie sich einem denn bieten.

Rückblickend kommt es mir umso komischer vor, dass man in dieser tollen Stadt meint, es nötig zu haben, Besucher forsch bedrängen zu müssen. Liebes Wrocław, liebes Breslau - das solltest Du Dir besser nochmal überlegen. Denn eigentlich liegt das weit unter Deiner Würde...

 

Auf meinen externen Seiten finden Sie bei Interesse noch eine Sammlung mit 86 großformatigen Fotos des Aufenthalts in Wrocław / Breslau im April 2016.

 

 

 

 

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Dirk Matzen

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