Sechs Stunden Zeit können ziemlich viel sein - in der lettischen Kleinstadt Cēsis im Winter

Reisebericht über einen Tagesausflug von Rīga aus in die Stadt Cēsis in Lettland im Februar 2014
   mit insgesamt 25 Bildern





Cesis

Abends im Winter ebenso menschenleer, wie schön: Der große Platz (der "Rožu laukums" - Rosen-Platz) neben der Kirche des Heiligen Johannis in Cēsis in Norden von Lettland.

 

Es ist nichts Neues für mich: Eine Städtetour im knackigen Winter. In anderen Jahren hatte ich schon mehrfach Winter-Städtereisen gemacht, nach Gdansk (Danzig), Stockholm und Reykjavik, nach Beijing (Peking) und Shanghai sowie nach Moskau und St. Petersburg. Meine Erfahrungen dabei waren eigentlich immer gut: Immer nahm ich das Gefühl mit, eine Stadt so wahrgenommen zu haben, wie sie wirklich ist. Nicht, wie sie sich den Touristen präsentieren will. Offenbar sind viele Städte im Winter so ganz bei sich selber, als Tourist hat man weitgehend sein Ruhe - und alles ist gut!

In diesem Winter nun hat es mich für eine knappe Woche nach Rīga verschlagen - zu dem ausführlichen Reisebericht über meinen Aufenthalt in Rīga gibt es hier. Am Vortag, dem Sonntag, habe ich einen kurzen Ausflug mit der Bahn von Rīga nach Jūrmala unternommen - eigentlich DAS Sommer-Strand-Zentrum von Lettland, aber im Winter auch schön.

 

AUSFLUG VON RĪGA NACH CĒSIS (WENDEN)

Das Bahnfahren ist in Lettland allerdings offenbar nicht unbedingt die gewöhnlichste Form, um sich im Land zu bewegen. Häufiger fährt man, wenn man denn schon mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, mit dem Bus. Diese sind wohl moderner und komfortabler, als die Bahn - und dabei jedoch nur geringfügig teurer. Nicht unbedingt langsamer. Etliche Städte sind zudem nur noch per Bus erreichbar und vom Bahnnetz ganz abgehängt.

Trotzdem habe ich mir vorgenommen, nach der Fahrt nach Jūrmala noch eine weitere Tour mit dem Zug zu machen. Es ist einfach interessant, sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln in einem fremden Land zu bewegen! Und Bahnfahren in Rīga ist durchschaubarer, als das Gewusel bei der Fernbus-Station.

Allerdings: Was kann ein lohnendes Bahnziel in Lettland sein? Die beiden an der Ostsee gelegenen Stadt Lipāja und Ventspils sind per Zug nicht erreichbar - schade. Reizvoll erscheint mir eine Fahrt nach Daugavpils, mit 95.000 Einwohnern die zweigrößte Stadt Lettlands. Allerdings schreckt mich die jeweils vierstündige Zugfahrt für An- und Abfahrt. Für einen eintägigen Ausflug eindeutig zu viel!

So entscheide ich mich für eine Fahrt nach Cēsis, der deutsche Name des Stadt ist "Wenden". Auf den Internetseiten des lettischen Fremdenverkehrs-Vereins wird die Altstadt von Cēsis immerhin als eine der Top10-Sehenswürdigkeiten von ganz Lettland angepriesen! Ein Zug nach Cēsis startet gegen 10:30 Uhr in Rīga und die Fahrt dauert rund zwei Stunden. Das erscheint mir eine gute Zeit, um einen Eindruck von Bahn, Leuten und auch Landschaft Lettlands zu bekommen.

Zurück nach Rīga fahren dann allerdings nur zwei Züge pro Tag: Einer gerade mal eine halbe Stunde nach meiner Ankunft, der andere sechseinhalb Stunden danach.

 

FAHRKARTENKAUF: AUF ENGLISCH KEIN PROBLEM, ABER...

Ich entscheide mich, gleich eine Rückfahrkarte zu kaufen, diese sind in Lettland 10-15 Prozent günstiger, als Einzeltickets. Obwohl: Das Zugfahren in Lettland ist eh dermaßen günstig, dass ich auf diese Ersparnis eigentlich hätte pfeifen können. Aber egal! Im Hauptbahnhof von Rīga suche ich mir an den vielen geöffneten Schaltern extra einen mit einer jungen Person besetzten Schalter aus - denn: Junge Leute haben in der Schule Englisch gelernt. Das war zu sowjetischen Zeiten nicht unbedingt der Fall und Älteren fällt es zuweilen ziemlich schwer, sich auf Englisch zu verständigen.

Nun habe ich mittlerweile auch gelernt, dass der Strich über einem Vokal im lettischen bedeutet, dass man den Vokal langgezogen ausspricht. Das e im Wort Cēsis ist also lang zu sprechen - also frage ich die junge Dame am Schalter nach einem Return-Ticket nach "Ceeesis". Sie schaut mich völlig unverwandt an, als hätte ich eine Fratze gezogen und "TschingTschangTschung" gesagt.

Ich wiederhole meinen Wunsch, möchte ein Ticket nach und von "Ceeeesis". Nein, sie versteht mich nicht. Es geht eine Weile hin und her. Doch irgendwann, als ich schon kurz überlege, ob ich den kurzen Ortsnamen eben schnell aufschreibe, da reagiert sie! Aaah, ja, ob ich denn wohl "Ceeeeises" meine? Ich höre einen winzigen, ganz minimalen Unterschied - und nicke eifrig. Wann ich denn zurück wolle. Viele Möglichkeiten gibt es ja nicht, ich sage die Uhrzeit, die ich erinnere - die Verständigung in Englisch ist kein Problem. Nur das eine lettische Wort funktioniert halt nicht. Aber dann geht doch alles relativ unkompliziert... Kurz danach sitze ich im Zug, die Fahrt durch die zuweilen leicht hügelige lettische Landschaft verläuft problemlos. Die Landschaft selber sieht etwas tragisch-trostlos aus: Viel Matsche, frisch geschmolzener Schnee hat viele Pfützen hinterlassen, vieles wirkt etwas grau und trostlos - woran das sehr trübe, graue Wetter großen Anteil hat.

Im Zug in Lettland

Ein Blick durch den Zugwaggon auf dem Weg nach Cēsis zeigt: Besonders viel los ist in dem Zug am Montagvormittag nicht.

 

CĒSIS: ALTE HANSESTADT, GROSSE ORDENSBURG

Eigentlich ist das trübe Februar-Wetter gar nicht so einladend für einen Ausflug. Aber es gibt kein Zurück, nach zwei Stunden verlasse ich den kleinen Bahnhof der 17.000 Einwohner-Stadt Cēsis. In den letzten gut zehn Jahren hat Cēsis rund 5.000 Einwohner verloren - sicherlich dramatisch für eine solch kleine Stadt. Heute ist Cēsis die 13.-größte Stadt von Lettland. Anders ausgedrückt: Cēsis ist in Lettland das, was Hannover derzeit in Deutschland ist.

Aber, immerhin: Cēsis ist eine frühere Hansestadt. Eine historische Stadt, bereits 1224 wurde Cēsis erstmals urkundlich erwähnt. Hundert Jahre später wurde das Stadtrecht zugeteilt - eine der ältesten Städte Lettlands. Deutsche, Polen, Litauer, Schweden haben in früheren Jahrhunderten Spuren in Cēsis hinterlassen. Im Zweiten Weltkrieg wurde Lettland erst von der Sowjetunion, dann vom Deutschen Reich und letztlich wieder von der Sowjetunion besetzt und okkupiert.

Außer den paar Informationen, die ich kurz im Internet gelesen habe, weiß ich überhaupt nichts über die Stadt. Und schnell merke ich: Auf eine Touristen-Info brauche ich hier heute nicht zu hoffen, zumindest jetzt im Winter nicht (grundsätzlich ein falscher Gedanke: Natürlich gibt es eine Touristinformation, im Neuen Schloss. Sie hat heute jedoch geschlossen). Informationen, die ich hier jetzt schreibe, habe ich erst später daheim gesammelt.

Cesis, Burg

Groß und eindrucksvoll steht die Burg von Cēsis ("Cēsu pils") am Rande der Altstadt. Heute leider geschlossen.

Trotzdem ist es nicht schwer, sich auch ohne Karte zurecht zu finden: Cēsis ist eine kleine Stadt. Die Altstadt ist nach 500 m Wegstrecke vom Bahnhof aus schnell erreicht - und auch schnell erkundet. Die historische, große, mächtige, mittelalterliche Ordensburg (bzw. das, was von ihr übrig ist) ist natürlich DIE besondere Attraktion von Cēsis, erbaut zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert. Irgendwie wirkt sie heutzutage für die kleine Stadt etwas überdimensioniert, aber man kann sie wohl als Hinweis auf eine große Bedeutung von Cēsis in der Vergangenheit deuten. Allein: Eine Besichtigung der Burg ist heute nicht möglich! Die Burg und das zugehörige Museum haben geschlossen. Es ist Montag, es ist Winter, es ist keine Saison, die meisten Tage geschlossen. Pech gehabt! Großes Pech!

Cesis, Altstadt

Teilweise kommt die Altstadt von Cesis fast schon großstädtisch, wie hier in der Straße "Rīgas iela" (also der "Rigaer Straße"), daher...

Sicher: Die Altstadt von Cēsis gefällt mir, sie gibt einen guten Eindruck darüber, wie historische lettische Städte wohl so aussehen. Einiges ist ein wenig bemüht großstädtisch. Einzelne viergeschossige Häuser aus der Gründerzeit wirken ein wenig so, als hätte man große Pläne gehabt. Aber offenbar ist Cēsis dann wohl nicht so groß geworden, wie gedacht. Und doch finde ich: Cēsis ist durchaus einen ausgiebigen Blick wert! Mit diesem ist man jedoch mit Leichtigkeit nach ein bis zwei Stunden fertig. Allzu viele Attraktionen gibt es eben nicht.

Cesis, Kirchturm

Kein sonderlich spektakuläres Foto vom Kirchturm des Johanniskirche in etwas trister Umgebung. Aber genau dieses Foto sorgt für eifriges Aufsehen beim benachbarten Friseur.

 

 

 

Offenkundig erregt man als Tourist, zumal im Winter, durchaus Aufsehen. Als ich mal in einer kleinen Nebenstraße ein Foto der historischen Kirche mache (s. das Bild rechts), flitzt die gesamte junge Besatzung eines Friseurs nebenan zum Schaufenster, lässt Kundin Kundin sein - und beobachtet mich sehr genau, ohne jede Scham. Ja, bin ich denn ein Marsmensch? Als ich sie bemerke und ihnen freundlich zunicke, lachen und winken sie kichernd zurück. Jetzt doch etwas verschämt. Aber man scheint sich in dieser kleinen Stadt Cēsis an mehreren Stellen über jede Abwechslung zu freuen.

 

ALT, MIT MORBIDEM CHARME: DIE KIRCHE DES HEILIGEN JOHANNES ALS ZENTRUM DER STADT

Apropos, die Kirche. Die Kirche des Heiligen Johannis (Johanniskirche) auf deutsch (lettisch: Jāņa baznīza), groß und eindrucksvoll steht die im Zentrum der Stadt. Sie ist eine der größten und mächtigsten sakralen Bauten in Lettland. Aber, Junge, Junge, sieht die alt aus - so richtig alt! Beängstigend alt! Sie ist nicht hochglanz-renoviert, man sieht ihr das Alter wirklich an (1284 wurde die ursprüngliche Kirche geweiht). Irgendwo zwischen sanierungsbedürftig und ruinös ist der Zustand der Kirche. Fast fürchte ich, dass sie gar nicht mehr sicher ist und früher oder später einstürzen wird. Die Mauern sehen zumindest teilweise sehr danach aus, dass sie von Feuchte völlig durchdrungen sind. Und die ganze Kirche ist grau - in grauem Putz. Ein wenig "DDR-Gefühl" kommt da auf. Ob die große Kirche überhaupt schon mal Farbe gesehen hat? Für mich sieht es fast so aus, als ob dies noch nie der Fall war. Von dem Turm sind große Putzbrocken abgefallen, flächenweise. Funktionierende Uhren trägt er nicht (mehr?). Und doch: Abends, als es dämmert, wird die Johanniskirche aufwändig und effektvoll angestrahlt - und sieht dann einfach schön aus! Ein Effekt, den ich auch noch aus Bukarest erinnere: Im Dunkeln sehen auch die desolatesten Gebäude bei entsprechender Beleuchtung toll aus.

Cesis, Johanniskirche Turm

Wenn man den Turm der Johanniskirche ein wenig genauer anschaut, dann erkennt man viel Sanierungsbedarf.

Die Burg von Cēsis sieht von außen betrachtet schon toll aus, sehr schade, dass ich sie heute nicht zu besichtigen ist. Ebenso geschlossen ist das Geschichtsmuseum im Neues Schloss ("Cēsu Jaunā pils"). Der angrenzende Park ist im Sommer bestimmt wunderschön, jetzt allerdings ist der etwas kahl, öde, teils matschig, teils noch eisig. Ich treibe mich hier ein wenig herum, aber so richtig Spaß bringt mir das nicht. Den Einheimischen bei diesen Witterungsbedingungen natürlich auch nicht: Nur hin und wieder huscht jemand zügig durch den Park hindurch. Unweit der Burg stoße ich auf eine gepflegte, in leuchtend hellblauen Farben gehaltene orthodoxe Kirche. Sehr schön!

Cesis, neues Schloss

Das "Neues Schloss" von Cēsis direkt neben der Burg am Abend. Rechts befindet sich die Touristinformation, heute leider geschlossen.

Kurz: Nach nicht einmal zwei Stunden Zeit habe ich das Gefühl, in der Altstadt von Cēsis alles gesehen zu haben. Mit meinem Rückfahrtticket habe ich allerdings noch fast fünf Stunden Zeit und es fährt zwischenzeitlich ja auch gar kein Zug - was also kann ich denn in dieser Zeit nur tun?

 

CĒSIS: DIE STADT, IM WINTER WEITGEHEND GESCHLOSSEN

Es gibt ein nettes Café auf dem Rosen-Platz - da lässt sich auch jetzt im Winter ein wenig Zeit überbrücken. Es ist auch das einzige geöffnete Café, das mir in Cēsis über den Weg kommt.

Aber was dann? Etwas rat- und ziellos durchstreife ich völlig wahllos einige Straßen von Cēsis. Suche mir einen Supermarkt für etwas zu trinken und zu essen - und habe dabei schon den Entschluss gefasst, für die Rückfahrt auf die Nutzung meines Zugtickets zu verzichten, am Busbahnhof (der direkt vor dem Bahnhof der Eisenbahn liegt) nach dem nächstmöglichen Bus nach Rīga zu schauen.

 

WANDERUNG AUF DEM NATUR- UND KULTURDENKMAL-PFAD

Auf dem Weg zum Supermarkt stoße ich jedoch auf ein augenscheinlich sehr neues, großes Infoschild, das auf einen 7,3 km langen Spazier- und Wanderpfad hinweist: "Natural und cultural heritage route in Cēsis". Also, sinngemäß: Ein Natur- und Kulturdenkmal-Weg von Cēsis. Hm, vielleicht wäre das ja recht interessant? Als Zeit für den Wanderweg veranschlagt man eine Stunde und 20 Minuten. Trotz fehlenden Kartenmaterials beschließe ich kurzentschlossen, diesen Wanderweg jetzt sofort auszuprobieren. Immerhin habe ich ja eine grobe GPS-Fahrradkarte dabei. Hin und wieder hat die mir auch schon bei anderen Wanderungen geholfen. Und vielleicht gestaltet sich dieser Weg ja insgesamt so interessant, dass ich die üppige Zeit dann doch füllen kann? Die gute Stunde für diesen Weg kann der Supermarkt ja noch warten.

Cesis, Infotafel für Wanderung

Eher zufällig stolpere ich über diese Infotafel über einen Wanderweg in und um Cēsis. Das wirkt doch einladend!

Über diese zufällige Entdeckung freue ich mich richtig! Prima! Neugierig mache ich mich auf den Weg. Komme an einer Plattenbau-Siedlung entlang und verlasse dann recht schnell die Stadt. Ähnlich schnell merke ich, dass die Beschilderung des Pfades alles andere als optimal ist. Immer wieder mal stehe ich an Weggabelungen, an denen kein Schild und keine sonstige Markierung ist. Glücklicherweise habe ich auch die Infotafel am Beginn der Route abfotografiert. Dadurch und durch fummeliges Vergrößern der Karte auf dem kleinen Display meiner Kamera, schaffe ich es, einige Unklarheiten zu lösen und mich leidlich zu orientieren. Sehr mühsam zwar, aber ich gehe nicht verloren.

Ziemlich bald habe ich aber auch das Gefühl, dass ich hier irgendwo durchs Nirgendwo laufe. Hinzu kommen ein paar Probleme, die ich mir so nicht hatte vorstellen können: Seit ein paar Tagen hat es in Lettland ja recht kräftig getaut, wie ich ja schon in Rīga erleben durfte. Und dieser Weg hier hat nicht oft, aber manchmal eben doch ein paar kurze Stückchen mit Steigungen bzw. Gefälle. Der Boden ist an eben diesen Stellen dermaßen matschig und rutschig, dass ich mich von Baumzweig zu Baumzweig hangele, um mich für den Fall eines Wegrutschens irgendwie festhalten zu können. Sicherlich gebe ich dabei ein geradezu absurdes oder auch jämmerliches Bild ab - aber es sieht niemand, ich bin ja allein unterwegs.

Cesis, Schulgebäude

1882 wurde dieses beeindruckende Schulgebäude in der "Bērzaines iela" errichtet, am Stadtrand der Anlaufpunkt Nummer fünf auf der ausgeschilderten Wanderung um Cēsis. Wenn ich die Infotafel hier richtig interpretiere, dann ist dies heute ein Internat speziell für asthmakranke Kinder. Kinder sehe ich hier allerdings nicht, werde in der Gegend aber beharrlich von einem unfreundlich kläffenden Hund begleitet. Nervtötend!

Weiter außerhalb der Stadt gibt es im Wald - erst daheim sehe ich, dass ich dort bereits im Nationalpark Gauja unterwegs bin - allerdings noch Strecken, die erheblich tückischer sind: Immer wieder gerate ich auf Wegstücke, die noch aus gefrorenem, blankem Eis bestehen. Vielleicht ein wenig übergetaut. Es ist im Wald also tatsächlich deutlich kühler - dort sind Schnee und Eis noch keineswegs weg. Zuweilen rätsele ich, woher dieses dicke Eis wohl kommt, manchmal jedoch ist es offenkundig: Kleine Bäche und Gräben sind gefroren, durch irgendeine Wasserversorgung immer weiter mit Wasser überflossen worden und so immer dicker gefroren - bis sich alles auch über den Weg ergossen hat und auch diesen mit einer dicken Kruste gefrorenen Eises versehen hat. Bis zu einem halben Meter dickes Eis lagert auf den Feldwegen. Das braucht sicherlich seine Zeit, bis es ganz abgetaut ist.

 

"EISWANDERN" ALS NEUE DISZIPLIN?

Immer, wenn ich vielleicht hundert Meter einer vereisten Strecke überwunden und wieder festen, also nicht vereisten, Boden unter den Füßen habe, schreite ich erleichtert aus - nur, um dann ein Stück später wieder vor einer anderen Eiskruste zu stehen. Eine Art "Eiswandern" mache ich hier auf Teilstrecken. Insgesamt eine Schlitterpartie sondergleichen, eine Wanderung der unangenehmen Art. Allein, zuweilen ein ganzes Stück von der Ortschaft entfernt. Manchmal habe ich Glück, dass ich neben dem Eisbelag über Matsch, Blätter und Stöcke gehen kann. Oft aber gibt es keine andere Möglichkeit, als über das blanke Eis zu schlittern. Welch ein Unfug von mir, wieder mal! Insgesamt wohl rund ein Kilometer Eisweg habe ich zu bewältigen, zuweilen sehr mühsam. Und immer sehr langsam und lahm.

Cesis, wandern auf Eisweg

Auch an dieser Stelle ist fast alles Eis. Und, was man auf dem Foto nicht sieht: Der vermeintliche Boden zwischen dem kleinen Bach und dem total vereisten Weg ist weich wie Pudding, auf gefrorenem Grund. Schönes Wandern geht wohl anders.

Den Höhepunkt bietet dann das "Überwinden" eines kleinen Baches - der jetzt nach dem Tauwetter der letzten Tage eben nicht mehr richtig gefroren ist. Der "normale" Weg führt über eine kleine Holzbrücke, die etwa zwei Meter über dem Bach ist, aber weitgehend verrottet und eingestürzt ist. Eine Viertelstunde lang suche ich nach irgendeiner anderen Möglichkeit, den Bach zu überqueren, ohne hindurchwaten zu müssen. Ich finde aber nichts, keine Möglichkeit, komme jedoch in Gefahr, mich völlig zu verlaufen und den Weg ganz zu verlieren. Also muss ich doch über die völlig verrottete Brücke rüber, um dem hin und wieder beschilderten Weg folgen zu können. Ein adrenalingeschwängerter Augenblick, auf den ich gerne verzichtet hätte. Aber alles geht gut. Die Brücke trägt mein übertriebenes Gewicht. Das war wirklich eine wackelige Angelegenheit und unsicher. Glück gehabt! Puh!

Cesis, kaputte Brücke über Bach

Ein Absturz wäre nicht so richtig dramatisch gewesen, aber mein Pulsschlag erhöhte sich doch, als ich über dieses ruinöse Monstrum rüber hangelte.

Zu sehen bekommt man auf diesem Weg neben dem Eindruck der Natur (jetzt im Winter ist natürlich vieles sehr kahl) rund um Cēsis in der Tat einige historische, schöne Häuser. Vor allem die großen Holz-Villen haben großen Eindruck auf mich gemacht. Die einzelnen Anlaufpunkte des Weges sind dann auch immer mit kleinen Infotafeln versehen, die auch in englischer Sprache ein paar Hinweise zu den Besonderheiten geben. Das ist nett und interessant und ich freue mich immer, wenn ich eines der neun beschilderten Häuser finde. Aber doch ist dieser Weg nur etwas für den Sommer! Dann ist die Natur sicherlich viel schöner und eindrucksvoller. Und die Gefahren, denen ich mich ausgesetzt hatte, geringer und nur auf die geschilderte Brücke und die zum Teil nicht erzogenen, streunenden Hunde beschränkt.

 

ZURÜCK IN CĒSIS - ZEIT FÜR EINE PAUSE

Heilfroh bin ich, als ich gegen halb fünf den Ortkern in der Altstadt von Cēsis wieder heil und unversehrt erreiche. Anstelle der 1:20 Stunden, wie veranschlagt, hatte ich fast drei Stunden für die Wanderroute gebraucht - und dabei mein eigenes, kleines Abenteuer erlebt. Die Orientierung hat viel Zeit benötigt, die unsicheren Eisstellen und die blöde Brücke ebenso. Und meine Fotos haben natürlich auch Zeit gekostet. Mein Magen knurrt ganz schön - da wird es jetzt aber wirklich Zeit, dass ich mich im Supermarkt versorge.

Cesis, Möbelgeschäft

Das ist hier in Cēsis ziemlich anders, als IKEA: Ein Möbelgeschäft im Zentrum der Stadt. Firmennamen scheinen hier nicht wichtig zu sein. Informationen für Touristen weisen das historische Gebäude von der Jahrhundertwende 18./19. Jahrhundert als "Prinzessinnen-Haus" aus.

Recht bald danach wird es dunkel - und, tatsächlich: In der Dämmerung und in der Dunkelheit entwickelt die Altstadt von Cēsis seine ganz eigene, Schönheit. Plötzlich ist es in der Altstadt richtig zauberhaft. Schade nur, dass es nun auch noch anfängt, beharrlich zu regnen. Manche der Straßen und Gassen geben einem nun das Gefühl, einen kleinen Zeitsprung in frühere Zeiten gemacht zu haben. Nicht gerade in das Mittelalter, aber vieles wirkt so, wie ich es "von früher", als Kind erinnere.

Cesis, Rigaer Straße nachts

Abends um sechs huschen bei Regen auch nur wenige Einheimische durch die "Rīgas iela".

Zu dieser Erinnerung gehört auch der wahnsinnige Gestank, der hier in Cēsis verblüffend massiv einsetzt, als zum Feierabend in den Häusern die Kohle- und Holzöfen angeheizt werden. Ofenheizungen - mit ganz typischem Geruch. Das gibt der Altstand ein ganz eigenes Flair und mir das Gefühl, im Gestern gelandet zu sein - und ich staune eigentlich über die vielen Erinnerungen, die allein dieser Geruch bei mir auslöst.

Aber insgesamt passt das zum unterm Strich doch ziemlich missratenen Tag.

 

RÜCKFAHRT NACH RĪGA: WER ZU FRÜH KOMMT...
... HAT GLÜCK GEHABT

Eine halbe Stunde vor Abfahrt das Zuges nach Rīga sitze ich dann wieder im Bahnhof, etwas geschafft. Durchaus verblüfft sehe ich auf meinem GPS-Gerät, dass ich hier heute in dieser kleinen Stadt immerhin 18,1 km Weg zurückgelegt habe, dabei auch 360 m hinauf und hinab gewandert bin.

Als ich mich rund eine Viertelstunde vor der planmäßigen Abfahrt des Zuges aufmache, um in dem kleinen Bahnhof nach einer Toilette Ausschau zu halten - fährt unerwartet ein Personenzug mit vier Waggons in den Bahnhof ein. Ich denke mir, dass dies doch eigentlich nur der Zug nach Rīga sein könne, sonst fährt heute hier doch gar kein anderer Zug mehr. Und in der Tat: Ich entdecke im Zug ein kleines Schild mit der Beschriftung "Rīga". Auch, wenn der Zug erst in zehn Minuten abfahren soll: Da steige ich dann doch besser direkt ein.

Und das ist eine richtig gute Idee, wohl meine beste Idee heute. Denn nach einem sehr kurzen Stopp fährt der Zug (der letzte und einzige heute Nachmittag/Abend von Cēsis nach Rīga) direkt los - zehn Minuten vor der auf dem Fahrplan angegebenen Zeit. Na sowas!! Glück gehabt!

Zwei ereignisarme Stunden in einem fast leeren Waggon in dunkler Umgebung später hat Rīga mich wieder. Für große Unternehmungen bin ich viel zu müde - aber eigentlich habe ich für diesen Ausflug heute viel zu viel Zeit investiert. Für einen Winter-Besuch in Cēsis allein ist der Ausflug mit viel zu hohem Aufwand verbunden gewesen. Im Sommer mag das ganz anders sein. Aber vielleicht wäre eine Kombination der Tour mit dem auf halber Strecke liegenden, bekannten (u.a. Wintersport-) Ort Sigulda eine gute Idee gewesen?

Das weiß ich nicht, da ich dies nicht ausprobiert habe - aber würde ich noch einmal einen solchen Ausflug planen, dann würde ich Sigulda mit einplanen in die Tour. Andererseits wird gerade die landschaftliche Schönheit der Umgebung von Cēsis sehr gepriesen. Der Nationalpark Gauja, benannt nach dem Fluss, beginnt unweit der Stadt. Im Winter hat man davon nicht viel, aber im Sommer ist die Umgebung von Cēsis sicherlich ein schönes Ziel für Naturfreunde!

 

 

Zum Reisebericht über meinen mehrtägigen Aufenthalt in Rīga geht es hier.

 

Und zu der externen Bilderserie mit 66 anderen, großformatigen Bildern von meinem Aufenthalt in Cēsis geht es hier.

 

 

 

 

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Dirk Matzen

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