EINE MARK FÜR ESPENHAIN - Umweltaktion in der DDR

Ein Bericht zur Braunkohleveredelung in der DDR von 1989
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Espenhain DDR, Braunkohleverschwelungswerk

Blick über das Industriegebiet Espenhain. Die Brikettfabriken und das Braunkohleverschwelungswerk ist im Hintergrund. (Foto: unbekannt)

ESPENHAIN - Ein kleiner, kaum bekannter Ort in der Nähe von Leipzig. In den letzten Jahren jedoch ist der Name Espenhain DDR-weit für viele ein Begriff geworden, für Umweltschützer in der DDR hat dieser Ort inzwischen Symbolcharakter bekommen. Mitten im Braunkohlerevier der Region Halle/Leipzig gelegen, wird dort in einem schon fast antiquarisch zu nennenden Volkseigenen Betrieb an der "Veredelung" von Braunkohle gearbeitet. Mit unerträglichen Folgen für Mensch und Natur.

Diese Veredelung der Braunkohle bedeutet, dass die Braunkohle dort in ca. 40 Meter hohen Schwelöfen verschwelt wird. Anschließend gelangt die Braunkohle in Trockenkammern, in denen sie auf fast null Prozent Wassergehalt getrocknet wird. Diese Trockenkammern sind ein zur Umwelt offenes System, so dass dort entstehende Schadstoffe ungehindert in die Atmosphäre abgegeben werden. Aus Gründen der Steigerung der Produktionsleistung ist man in Espenhain dazu übergegangen, die technologisch festgelegte Trocknertemperatur, die bei ca. 180 bis 210 Grad C liegt, deutlich zu erhöhen. Die Erhöhung der Temperatur beim Trocknen mag logisch erscheinen, schließlich geschieht dieser Prozess dann schneller. Fatal hierbei ist jedoch, dass die Braunkohle bei ca. 210 Grad C wieder zu schweln beginnt, wobei die ersten flüchtigen Teerverbindungen abgegeben werden und direkt in die Umwelt gelangen. Auf über 300 Grad C ist die Trocknertemperatur erhöht worden, um die Verweilzeit der Braunkohle zu verkürzen.

Für die Umwelt hat diese Maßnahme fürchterliche Folgen: Es werden gewaltige Mengen von hochgiftigen Schadstoffen frei, so. z.B. Teeraerosole, Schwefelwasserstoff, Ammoniak, Merkaptane, Phenole, Kohlenwasserstoffe sowie Schwefeldioxid, Kohlenmonoxid und Stickoxide. Die Freisetzung dieser Gifte geschieht völlig unkontrolliert in sehr geringen Höhen, so dass vor allem die nähere Umgebung hierunter unbeschreiblich zu leiden hat. Ein kurzer Rückblick zeigt, wie es zu dieser Umweltkatastrophe kam.

Das Werk Espenhain wurde in den Jahren 1939 bis 1941 von den Nazis erbaut, um die Energieversorgung möglichst autark zu gestalten! Ohne Umwelt- oder Arbeitsschutzmaßnahmen gab es ständige Produktionssteigerungen. Nach einem Beschluss, das überalterte Werk 1975 stillzulegen, wurde das Werk unter "Volldampf" in der "Verschleißfahrweise" seit Ende der 60er Jahre betrieben. Zu Teilen wurde das jetzt als "Volkseigener Betrieb Braunkohlenveredelungswerk Espenhain" laufende Werk auch tatsächlich stillgelegt. Jedoch schon 1978 wurde wieder die volle Produktion aufgenommen, denn aufgrund energiepolitischer Beschlüsse ging man in der DDR davon ab, das zeitweilig bevorzugte Öl einzusetzen. Seitdem setzte man voll auf die einheimische Braunkohle und hoffte zudem nach wie vor, die Atomenergie auszubauen. Für Espenhain bedeutet dies, dass das Werk mindestens bis ins Jahr 2000 hinein voll betrieben wird, d.h. dass in Espenhain selber die zwei Brikettfabriken, zwei Kraftwerke und 30 Schwelöfen sowie im nahegelegenen, zum Werk Espenhain gehörigen Betriebsteil Böhlen eine Brikettfabrik, ein Kraftwerk sowie 10 Schwelöfen weiterlaufen werden. Es wurde dazu ein Programm erstellt, nach dem jährlich einige der Schwelöfen rekonstruiert werden sollen, um die Produktion weiter zu steigern und zudem eine Schadstoffreduzierung zu erreichen. Leider kommen diese Rekonstruktionsarbeiten jedoch nur schleppend voran und bleiben weit hinter dem Plan.

 

 

Die Lage der Menschen vor Ort ist nur noch katastrophal zu nennen. In dem Braunkohlerevier um Leipzig/ Halle reiht sich ein überaltertes Kraftwerk an das nächste, viele überlastete und verschlissene Brikettfabriken und sonstige Verarbeitungs-betriebe liegen in Sichtentfernung zueinander - sofern man durch den geballten Dreck in der Luft überhaupt ein wenig Sicht hat. Denn durch Betriebe wie Espenhain wird dieser ohnehin schon extrem hohen Grundbelastung der Luft noch eine Spitze aufgesetzt, die vom Umweltseminar Rötha charakterisiert wurde als "Subjektiv unerträglich - objektiv gesundheitsschädigend". In einem Faltblatt heißt es: "Von weitem sieht und riecht man schon den Volkseigenen Betrieb Braunkohlenveredelungswerk Espenhain. Dick und dicht wälzt sich der Qualm aus den Schloten und mit ihm täglich: 4,0 t Teer, 4,4 t Schwefelwasserstoff, 20,0 t Schwefeldioxid, 1,6 t. Ammoniak, 1,6 t Merkaptane... Immer wieder drängt sich da der Gedanke auf, 'kann man da überhaupt noch atmen, ohne über kurz oder lang krank zu werden'. Ist es da ein Wunder, wenn viele Leute denken, nur weg aus diesem Gebiet - weit weg!"

Die Lebenserwartung der Menschen im Braunkohlerevier Halle/Leipzig ist um Jahre geringer als in anderen Gegenden der DDR. So ist es kein Wunder, wenn die Menschen dort anfangen, sich gegen die ständige Gesundheitsgefährdung durch Gifte zu wehren. Unter dem Dach der Kirchen bildeten sich zunehmend Umwelt- und Friedensarbeitsgruppen, auch in der Region um Espenhain. Von diesen Gruppen wurde im Juni 1988 die Aktion "Eine Mark für Espenhain" ins Leben gerufen, die inzwischen DDR-weite Unterstützung und Solidarität findet. Im Rahmen dieser Aktion werden Unterschriftensammlungen mit der Forderung nach einer Verbesserung der Verhältnisse in der Region durchgeführt. Alle, die eine Unterschrift leisten, spenden zudem symbolisch eine Mark. Die hierbei zusammengetragene Summe soll der Betriebsleitung in Espenhain überreicht werden und, so einem Flugblatt zufolge, "einen Anfang für Verbesserungen in Espenhain ermöglichen und den notwendigen gesamtgesellschaftlichen Beitrag herauszufordern". Wenn man berücksichtigt, dass Unterschriftensammlungen in der DDR verboten und von daher nicht mit hiesigen Aktionen vergleichbar sind, so ist es erstaunlich, dass doch viele in der DDR den Mut finden, den Namen in die Liste einzuschreiben. Bis Ende März wurden immerhin 13.000 dieser Unterschriften zusammengetragen - eine sehr erstaunliche Zahl. Die dabei eingesammelte Geldsumme kann natürlich nicht mehr als ein symbolischer Betrag sein, jedoch ist dies sicherlich eine deutliche Form, öffentlichen Protest zu zeigen.

Espenhain, DDR Braunkohleabbau

Braunkohle-Tagebau im Gebiet Espenhain. (Foto: unbekannt)

 

 

Mittlerweile gibt es vom Kreis, also von staatlichen Stellen, sogar die offizielle Mitteilung, dass diese Aktion akzeptiert wird. Leider jedoch gibt es starke Bedenken, ob das Geld angenommen werden kann. Selbst wenn es angenommen würde, stehen die Zeichen schlecht, denn mittlerweile wird sogar offiziell eingestanden, dass das Werk Espenhain derzeit schneller zerfällt als es rekonstruiert werden kann.

Nach einer Eingabe kam es zudem zu einem Gespräch zwischen Mitgliedern der ansässigen Umweltgruppen und offiziellen Vertretern des Rats des Bezirks (vergleichbar mit Landesregierung in der BRD) sowie dem für Böhlen und Espenhain zuständigen Umweltinspektor. In diesem Gespräch wurde deutlich, mit welch ignoranter Einstellung dort von offizieller Seite oft noch vorgegangen wird. Auszüge aus einem Gesprächsprotokoll mögen diese haarsträubende Einstellung belegen.

Die offiziellen Vertreter betonten, dass in Espenhain "keine andere Luft als anderswo auch" herrsche, die Höchstwerte für Emissionen würden ständig unterschritten und überhaupt sei die Luft keineswegs gesundheitsschädlich. Auch sei es unwahr, was die Umweltgruppe schreibe: Es gebe im Bezirk kein Waldsterben, alle Bäume seien gesund. Es stimme nicht, wenn die Umweltgruppe schreibe, dass die Menschen von der schlechten Luft krank würden. Eine erhöhte Krebsrate wurde nicht bestritten, jedoch: "Die erhöhte Krebsrate kommt nicht von der hohen Schadstoffbelastung der Luft, sondern die Espenhainer rauchen zuviel." Auf die ungläubige Rückfrage der Umweltgruppe wurde noch einmal betont, es würde speziell in Espenhain zuviel geraucht, einschließlich auch Babys usw. Es wurde auch betont, dass es bisher noch nie nötig gewesen sei, Smog-Alarm auszulösen, denn "die Emissionsgrenzwerte werden nicht überschritten!" Die Umweltgruppe wandte ein, dass für Smog-Alarm nicht die Emissionsgrenzwerte maßgeblich seien (diese sind sicherlich auch horrend hoch angesetzt), sondern die Immissionswerte. Und es gäbe genügend Beweise für Smog-Situationen, wie im Mai 1986, als in Espenhain über Nacht plötzlich alle Blätter von den Bäumen gefallen seien. Dies wurde lässig abgetan: "Ach wissen Sie, das ist doch kein Grund, Smogalarm auszulösen, die Pflanzen, die Bäume sind doch nur so viel empfindlicher als wir Menschen! Die sind zu empfindlich!" Und überhaupt war für die Offiziellen eine kritische Mitarbeit unvorstellbar: Die Umweltschützer wollen den Staat nur in ein schlechtes Licht rücken und konterrevolutionäre Bestrebungen unterstützen. Schließlich sei es schon jetzt so, dass die Werktätigen natürlich schon mitregieren können, und zwar indem sie die Beschlüsse der Regierung und Partei befürworten und die vorgegebenen Pläne übererfüllen. Denn: "wir, die Partei, machen das schon. Haben Sie Vertrauen, glauben Sie nur, wir sorgen schon für Sie!"

Bleibt zu hoffen, dass es, nicht nur im Interesse der Umwelt, zunehmend weniger Gläubige gibt, die sich solchen Menschen widerspruchslos ausliefern mögen.

 

(Der Text wurde so veröffentlicht im "ROBIN WOOD-Magazin" Nr. 23/4.89
Anmerkung 2009: Insgesamt wurden 100.000 Mark für Espenhain gesammelt. Das Werk wurde nach der "Wende" im August 1990 stillgelegt. Die 100.000 Mark wurden als Grundstockvermögen in die "Zukunftsstiftung Südraum Leipzig" des "Christlichen Umweltseminars Rötha e.V." eingebracht - sicher eine gute Anlage!)

 

 


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