Reisebericht Nuuk (Grönland) -
  Eine Stadt, in Fels gehauen: Nuuk, die
  Hauptstadt von Grönland

Reisebericht über eine Reise nach Nuuk in Grönland, im Juli 2018
   mit insgesamt 42 Bildern





Nuuk Grönland, Westküste

Mein dritter Tag in Nuuk präsentiert sich mit arktischem Traumwetter! Hier der Blick von meinem "Lieblingsort" entlang der Westküste zum Stadtteil Qernertunnguit - und der dahinter anschließenden Bergwelt.

 

Nuuk - eine sonderbare Stadt?

Was für eine komische, sonderbare Stadt - ist einer der ersten Gedanken, nachdem ich in Nuuk angekommen bin und anfange, mich ein wenig umzuschauen. Vieles wirkt in der Stadt wie durchgemischt, wie durcheinander gewürfelt. Unsortiert. Komisch, eben.

Und, zugegeben - ich bin schon etwas enttäuscht. Zunächst mal.

Klar ist aber auch: Als ich hierhin komme, ist mir durchaus bekannt, dass Nuuk nicht gerade eine zauberhaft hübsche Stadt ist, nicht gerade eine architektonische Perle und schon gar nicht ein Touristenmagnet.

 

Die Hauptstadt von Grönland! Oder?

Doch - wo bin ich hier eigentlich?

Wenn ich vor der Reise guten Freunden oder der Familie sage, dass ich in diesem Urlaub nach einem zehntägigen Island-Aufenthalt nach Nuuk fliegen würde, ernte ich nur Fragezeichen in der Gesichtern. Nuuk? Was das denn nun wieder sei? Ach, ich hätte ja immer so besonders komische Reiseziele...

Niemand in meinem Umfeld kann Nuuk zuordnen, niemand! Wenn ich dann erläutere, dass Nuuk die Hauptstadt von Grönland sei, dann heißt es meist - ach du je, Grönland! Dunkel, Polarlichter, Eis und Schnee, bitter kalt, Eisbären, gefährlich, irgendwie mittelalterlich, wahrscheinlich gibt es nur Pritschen mit Fell. Was ich denn da wolle? Was man denn dort eigentlich machen könne? Und überhaupt - wieso Hauptstadt, Grönland gehöre doch zu Dänemark? Oder?

Nun, die letzten beiden Fragen sind nicht ganz unberechtigt! Was man ich Grönland so machen kann? Nun - ich fahre hier her mit der Erwartung, dass man wandern, Schiff fahren, gucken und staunen kann, zumindest über eine große, gewaltige, ungezähmte Natur. Relativ schnell kann ich aufräumen mit dem Gedanken, dass es dort immer dunkel ist - im Gegenteil: Ich fahre im Sommer kurz nach der Sommersonnenwende nach Grönland und nördlich des Polarkreises ist dann Mitternachtssonne angesagt! Eigentlich wissen das ja auch alle, trotzdem ist Dunkelheit einer der ersten Gedanken.

 

 

 

Nuuk allerdings liegt ziemlich genau auf der Höhe von Reykjavik (wo ich vor meiner Reise nach Nuuk einige Tage verbracht habe) und damit ein paar hundert Kilometer südlich des Polarkreises. Dort geht die Sonne zwar für gut drei Stunden unter - aber so richtig dunkel wird es des nachts trotzdem gar nicht. Von wegen dunkel in Grönland! Also keine Chance, die auch im Sommer durchaus vorhandenen Polarlichter irgendwie sehen zu können.

Die zweite Frage nach Nuuk als Hauptstadt und der Zugehörigkeit zu Dänemark ist da schon komplizierter zu klären. Nach wie vor ist Grönland Bestandteil des Königreichs Dänemark. So ist z.B. die dänische Königin das Staatsoberhaupt von Grönland und als Währung gilt die dänische Krone. Und doch hat Grönland eine weitgehende Autonomie, es gilt als eigene Nation innerhalb des Königreichs Dänemark. Neben dem dänischen Staatsoberhaupt wird Grönland auch in außen- und verteidigungspolitischen von Dänemark vertreten. Die Innenpolitik wird jedoch vollständig selbst verwaltet. Und - nicht zu vergessen: Eben, weil es noch nicht vollständig unabhängig ist, wird Grönland finanziell noch erheblich von Dänemark gestützt. Man redet von rund 500 Millionen Euro, die von Dänemark jedes Jahr nach Grönland überweist. Wohl etwa die Hälfte des grönländischen Haushalts.

Aber Grönland gehört z.B. nicht der Europäischen Union an: Nachdem die europäischen Staaten aus der EWG (dem Vorläufer der EU) sich daran machten, die Meere vor Grönland komplett leer zu fischen, trat Grönland Mitte der 1980er Jahre aus der EU aus. Man ist allerdings weiterhin assoziiert und in einer Zollunion.

Und natürlich braucht eine solche Nation eine Hauptstadt. Und diese heißt "Nuuk". Früher, als Grönland noch eine dänische Kolonie war, hieß die Stadt "Godthåb" - zu deutsch: "Gute Hoffnung".

Und mit genau einer solchen guten Hoffnung reise ich nach Nuuk!

 

Ein klein wenig Wissenswertes über Grönland (Grønland)

Vorher aber gibt es hier noch ein paar kurze Infos über Grönland - zumindest aus der Sicht eines Reisenden, der gerne auch mal Superlativen zugeneigt ist.

Klar - eigentlich wissen alle, dass Grönland die größte Insel der Welt ist. Diese größte Insel der Erde zu bereisen, und sei es nur ein klein wenig, ist ja für sich genommen schon etwas Besonderes. Aber es gibt noch einiges Erstaunliches über Grönland.

Die Fläche der Insel Grönland ist ziemlich genau sechsmal so groß, wie das Staatsgebiet von Deutschland. Bewohnt wird diese gigantische Fläche von knapp 56.000 Menschen. Das sind etwa so viele, wie z.B. in Hameln. Oder in Greifswald. Nur am Rande mal ein kleines Gedankenspiel: Diese 56.000 Grönländer betreiben z.B. 13 zivile Flughäfen, davon sechs mit internationalen Verbindungen (ganz zu schweigen von 51 Hubschrauberlandeplätzen). Stellen Sie sich mal vor, die Bewohner von Hameln müssten allein 13 Flughäfen betreiben...  Nun ja - und 500 Millionen Euro zur Unterstützung von 56.000 Einwohnern, das ist schon eine großzügige Summe.

"Grönland" - übersetzt "Grünes Land". Mutet das nicht ein wenig komisch an für eine Insel, die zum größten Teil unter (noch) dauerhaftem Eis liegt? Amtssprache ist Grönländisch. Ahem, also - grönländisch heißt Grönländisch "Kalaallisut" - und es ist mir beim besten Willen leider nicht gelungen, mir mehr, als zwei Worte Kalaallisut zu merken. Auch habe ich nie irgendein Wort in Kalaallisut gesehen, dass ich irgendwie zurückführen und sonstwie verstehen konnte - eine mir total fremde Sprache. Aber ich bin leider auch in keinster Weise sprachbegabt. Nun, jedenfalls heißt Grönland in der Sprache der Einheimischen "Kalaallit Nunaat " - "Land der Menschen". Auch ein ambitionierter Name für ein weitestgehend unbewohntes und unbewohnbares Land.

Nuuk, Air Greenland Flughafen

Da es keine Straßen gibt, ist das Flugzeug ist das Hauptverkehrsmittel zwischen den Städten und Siedlungen in Grönland: Knallrot kommen sie daher, die Flugzeuge von Air Greenland.

 

 

 

Die Nord-Süd-Ausdehnung von Grönland beträgt ca. 2670 km, die Ost-West-Ausdehnung ca. 1050 km. Dies führt z.B. dazu, dass Grönland weiter nach Norden, weiter nach Osten, weiter nach Süden und weiter nach Westen reicht, als Island, woher ich ja gerade komme - was zunächst etwas verblüffend klingt. Bis zu 26 km reicht Grönlands Norden an Kanada heran. Fünf Zeitzonen werden von der riesigen Insel überstrichen.

Seit sage und schreibe 4.500 Jahren wird Grönland besiedelt - die ersten Siedler kamen aus Kanada in den Norden Grönlands.

Die ältesten Gesteine der Welt, die bisher nachgewiesen werden konnten, hat man östlich von Nuuk gefunden: 3,8 Milliarden Jahre alt. Schade, dass ich kein Geologe bin - aber doch denke ich: Wow! (Auch, wenn es wohl umstritten ist und man mit Kanada um das älteste Gestein der Erde streitet...)

Der größte Nationalpark der Welt ist in Grönland: Ganz Nordost-Grönland wurde 1974 zum Nationalpark erklärt - eine Fläche etwa zweieinhalbmal so groß, wie Deutschland. Und, ja: Dort gibt es ihn, den Eisbären! Ein paar Tausend Exemplare leben auf Grönland, verirren sich ganz vereinzelt auch mal in andere, südlichere Regionen der Rieseninsel. Es schmerzt mich, zu erwähnen, dass Grönland für relativ hohe Summen Jagdlizenzen auf Eisbären ausgibt... Aber doch will ich unbedingt erwähnen, dass ich Menschen, die mit einem solchen Ansinnen extra anreisen (Jagd auf Eisbären...!), abstoßend finde!

Knapp 80 Prozent von Grönland ist dauerhaft von Eis bedeckt, das bis zu 3400 m dick ist. Würde das komplette Eis von Grönland im Zuge der Klimaerwärmung schmelzen, dann würden der Meeresspiel weltweit um ca. 7 Meter ansteigen - meine Heimatstadt Hamburg könnte sich dann von seinem Hafen wohl ganz verabschieden. Auch, wenn dann endlich die Schiffe mit dem allergrößten Tiefgang dorthin kommen könnten...

Die nicht dauerhaft von Eis bedeckte Fläche Grönlands ist übrigens immer noch größer, als die Fläche der Bundesrepublik Deutschland.

Und die nördlichste Festlandmasse der Erde gehört zu Grönland: Die Inuit Qeqertaat-Insel (dänisch: Kaffeklubben) ist nur gut 700 km vom Nordpol entfernt.

Als mitteleuropäischer Reisender muss man sich in Grönland etwas umgewöhnen, denn das aller-allerliebste Kind des Deutschen, das Auto, es ist in Grönland größtenteils nutzlos! Straßen gibt es - allerdings nur innerhalb der Ortschaften. Keine zwei Ortschaften sind per Straße verbunden. Man bewegt sich fort per Schiff, per Flugzeug oder per Hubschrauber. Und im Winter zusätzlich per Schneescooter und, ja: per Hundeschlitten.

Ca. 88 Prozent der Bewohner Grönlands sind indigenen Ursprungs - der Rest ist vor allem europäischen Ursprungs und kommt zumeist aus Dänemark. Hiervon wiederum leben die allermeisten in der Hauptstadt Nuuk.

 

Traumziel Grönland?

Und da sind wir ja endlich wieder angekommen in Nuuk! Mit rund 17.000 Einwohnern die mit Abstand größte Stadt Grönlands. Schon allein der Größe nach ist Nuuk nachvollziehbar also Hauptstadt und Regierungssitz. Übersetzt bedeutet Nuuk schlicht "Kap" - bei einem Blick auf die Karte erklärt sich recht schnell, warum diese Stadt so heißt.

Aber, ach - es ist ja ein so alter Traum von mir, nordische und arktische Regionen kennen zu lernen. Zwei Jahre zuvor war ich ja mal einige Tage im Norden Norwegens unterwegs und besonders die Umgebung von Tromsø hat mich damals sehr begeistert. Zwei Fahrrad-Touren hatten mich dermaßen beeindruckt, dass ich auch Jahre später noch die Faszination des Nordens empfinden kann.

Eine Fahrradtour kann man sich in Grönland allerdings "von der Backe schmieren" - das wäre inetwa so, alle wolle man in der Wüste schwimmen gehen. Mein gesamter Reiseplan für Grönland gestaltet sich sehr simpel: Der Flug von Reykjavik geht nach Nuuk, dort bleibe ich zweieinhalb Tage, um dann abends das grönländische Linienschiff "Sarfaq Ittuk" zu besteigen. Damit fahre ich über zwei Nächte gen Norden, um am Mittag des zweiten Tages am End- und Wendepunkt des Schiffes, in der touristischen Hochburg von Grönland, Ilulissat, von Bord zu gehen. Dort bleibe ich sechs Tage, um danach per Flugzeug zurück nach Island und dann nach Hause zu fliegen. Ein wenig bleibe ich auf diese Weise meinem Grundsatz treu, dass weniger oftmals mehr ist. Soll sagen: Ich liebe es mehr, einige wenige Orte besonders intensiv zu bereisen und kennenzulernen, als in verschiedene Orte kurz hinein zu schnuppern.

Man braucht gar nicht drumherum zu reden: Grönland ist ein teures Reisepflaster, ein sehr teueres. Was wenig überraschend ist - letztlich muss alles, was dort ge- und verbraucht wird, mit extrem viel Aufwand von weit her importiert werden. Von daher ist mir schon vor der Reise klar: Dies wird eine Reise der Kategorie "Once in a lifetime". Auch, wenn es mir gut gefallen sollte, wird Grönland in der Zukunft wohl nicht zu meinem Hauptreiseziel werden (können...).

Ein alter Wunsch, ein alter Traum soll damit wahr werden. Dieser Traum umfasst Bilder einer großen mächtigen Natur mit Bergen, Felsen und Eis, aus Wildnis, Stille und Einsamkeit. Und wenn man Träume in Angriff nimmt, dann birgt das ja durchaus die Gefahr, dass die Wirklichkeit dem Erträumten nicht standhält - vielleicht ja auch gar nicht standhalten kann.

Denn genau das beschreibt das Gefühl, dass ich in Nuuk habe. Am ersten Tag. Und auch noch am zweiten Tag. Ein wenig Enttäuschung setzt ein. Ein Gedanke dabei: So viel Geld - und so trübe Aussichten.

Nuuk, trübe Aussichten

Trübe Aussichten am Nuuk-Fjord. So richtig begeistern kann das so nicht.

Eine Rolle dabei spielt dann doch das Wetter. Aber natürlich, es ist ja völlig klar: Man fährt nicht wegen des Wetters nach Grönland! Zumindest nicht im Sommer.

Aber - nachdem ich schon in Island zumeist bei kühlem Wetter bis zehn Grad, fast immer grauem Himmel, immer mal wieder nieseligem Regen unterwegs war, geht es in Nuuk völlig nahtlos so weiter, wenn auch ein paar Grade kälter, als in Reykjavik.

Aber, man möge es mir nachsehen: Einen kurzen Exkurs schiebe ich noch voran. Erst vor Ort habe ich es erfahren und nicht unerwähnt lassen möchte ich, dass Nuuk direkt vor meinem Aufenthalt eine Zeitlang im Blickpunkt der Sportwelt stand, nun ja, zumindest der Handball-Welt. Das wohl bedeutendste Sport-Ereignis hatte stattgefunden: Für die in Deutschland und Dänemark im Jahr 2019 stattfindende Handball-Weltmeisterschaft findet zwei Wochen, bevor ich dorthin reise, in Nuuk das Qualifikationsturnier für den gesamten amerikanischen Kontinent statt: Die "Panamerikanische Handball-Meisterschaft der Männer 2018". Wer aus Amerika zur Handball-WM 2019 will, muss vorher nach Grönland - nach Nuuk. Immerhin hat man in Nuuk eine Halle, die 2.500 Zuschauern Platz bietet, und auch die logistischen Voraussetzungen zur Unterbringung und Betreuung der zehn vorqualifizierten Handball-Mannschaften mit deren Betreuern ist offenbar kein Problem. Unbedeutende (Handball-)Länder wie die USA und Mexiko sind schon zuvor in Vorrunden ausgeschieden. Meine grönländischen Gastgeber besiegen Kolumbien, Paraguay, Uruguay und Kanada, verlieren gegen Brasilien und Argentinien - um dann im entscheidenden Spiel gegen Chile unglücklich in der Verlängerung zu verlieren und damit dann doch nicht zur Weltmeisterschaft nach Dänemark und Deutschland fahren zu dürfen. Schade! Und auch, wenn ich selber kein besonderes Interesse am Handballsport habe: Da wäre ich sehr gerne dabei gewesen! Immerhin gibt es hier ein Video der Fernsehübertragung des staatlichen Senders KNR, es geht direkt in die dramatischen letzten zwei Minuten der normalen Spielzeit (der dann ja noch die Verlängerung folgt...) - man kann dort auch ein wenig über grönländisches Temperament kennen lernen, sowie der Sprache lauschen (Grönland spielt in rot):

Aber - zurück zu meiner Reise... Eigentlich steige ich ja gerade in das Flugzeug nach Nuuk.

 

Flug nach und Ankommen in Nuuk

Der Flug von Reykjavik nach Nuuk ist auch schon eine kleine Enttäuschung. Zwar bin ich noch nie in einem so kleinen Flugzeug unterwegs gewesen, schon gar nicht interkontinental (Grönland wird ja Nordamerika zugerechnet): Eine Propellermaschine mit neun Sitzreihen, ein Extra-Platz - 35 Plätze in der Maschine. Und exakt 14 Passagiere fliegen heute nach Nuuk. Meine Idee, mir vor dem Flug einen nicht gerade billigen Fensterplatz zu sichern, erweist sich also schon wegen der lockeren Sitzordnung als völlig unnötig. Und zudem noch, weil wir zwei Minuten nach dem Start im Stadtflughafen von Reykjavik in den tief hängenden Wolken verschwinden - die den Blick nach unten erst wieder im allerletzten Landeanflug auf Nuuk, vier Minuten vor dem Aufsetzen, wieder freigeben. Eine dichte Wolkendecke deckt ganz Island und Grönland komplett zu, wie schade! Damit ist mir ein erstes Highlight, nämlich der Blick aus nicht allzu großer Höhe auf Grönland, komplett abhanden gekommen.

 

 

 

Immerhin sehe ich beim Landeanflug zum ersten Mal in meinem Leben ein paar Eisberge - als kleine weiße Kleckse auf einigen der Fjorde. Aus dem Flieger so gar nicht sonderlich beeindruckend. Ansonsten sehe ich nur felsigen Grund mit unüberschaubar viel Wasser darauf - völlig klar: Das ist keine "wanderbare" Umgebung. Aber immerhin betrachte ich hier wenige Minuten lang aus der Luft mal wieder einen Superlativ: Das größte "Fjordsystem" der Erde liegt hier bei Nuuk.

Nuuk, Flugzeug nach Landung

Mit dieser kleinen Propellermaschine ist es für mich von Reykjavik nach Nuuk gegangen - und die ist dann nicht mal halbvoll gewesen.

 

 

 

Ein paar Gedanken mache ich mir während des Flugs um die Ankunft: Vom Flughafen bis zu meinem Hotel am Hafen sind es einige Kilometer Weg. Wird es wohl noch ein Taxi für mich am Flughafen geben? Schließlich ist Nuuk nach meinen einheimischen Maßstäben gemessen eine Kleinstadt. Nach der Landung der kleinen Propellermaschine geht alles rasend schnell. Man verlässt die Maschine, geht gemütlich über das Vorfeld zu dem kleinen Flughafengebäude, stellt sich an das etwa zehn Meter lange Gepäckband, wo nach zwei Minuten sämtliche Gepäckstücke angekommen sind. Hatte ich nicht vor der Reise gelesen, dass man für die Einreise nach Grönland einen Reisepass benötigt? Nun, ich finde hier niemanden, dem ich meinem Reisepass vor die Nase halten kann. Überhaupt finde ich auch keinen Hinweis auf einen Ausgang. Öffne eher ratlos eine Tür in der Nähe, bin außerhalb des Flughafengebäudes und verabschiede mich von meiner großen Hoffnung, einen Einsreisestempel von Grönland in meinen Reisepass zu bekommen. Ich bin in Grönland! Und stehe vor einer Schlange von etwa einem Dutzend Taxis. Jeder Gedanke darüber war verschwendet.

Eine Viertelstunde später bin ich in meinem Hotelzimmer und habe einen ersten Eindruck von dem flotten Straßenverkehr der grönländischen Hauptstadt gewonnen. Weitere zwanzig Minuten später bin ich dann, von Neugierde getrieben, auf Schusters Rappen unterwegs in Nuuk. Und staune.

 

Eine Stadt auf und in den Felsen

Überraschend viel Verkehr saust hier durch die Stadt. Denn es ist ja völlig klar: Das alles hier ist reiner Stadtverkehr - Straßen außerhalb von Städten gibt es in ganz Grönland ja nicht (abgesehen von ein paar Schotterpisten hier und da). Für eine 17.000-Einwohner-Stadt erscheint mir das hier ganz schön viel Verkehr. Ein Blick auf die Karte zeigt allerdings auch: Nuuk ist richtig weit auseinandergezogen. Von meiner Unterkunft am Hafen bis zum Neubauviertel Qinngorput sind es um die acht Kilometer. Und diese Kilometer geht es ständig bergauf und bergab, die Gegend ist hügelig. Nicht umsonst gibt es drei Buslinien in Nuuk, die auch häufig verkehren. Und gut genutzt werden, wie ich schnell bemerke.

Nuuk, Stadtzentrum Verkehr

Einiger Verkehr an einem normalen Donnerstagvormittag im neuen Stadtzentrum der grönländischen Hauptstadt Nuuk.

 

 

 

Alles hier sieht anders aus, als das, was ich sonst so kenne. Der Kinderspielplatz um die Ecke besteht aus ein paar Geräten - auf nacktem Fels. Die Gebäude-anordnung macht oft einen unsortierten Eindruck, die Häuser stehen kreuz und quer, vieles wirkt völlig bunt durcheinander gewürfelt. Neu neben alt, Holzbauten neben Betonhochhäusern, 70er Jahre Plattenbauten neben supermoderner Architektur. Ein paar moderne Bauten können mich durchaus beeindrucken - wie beispielsweise das Kulturzentrum "Katuaq". Ein Werk der dänischen Architekturfirma Schmidt, Hammer & Lassen - diese sind mir ja bereits auf meinen Reisen nach Malmö (das dortige Kulturzentrum "Malmö Live") und Aarhus (das Kunstmuseum "ARoS") mit beeindruckenden Gebäuden begegnet. Große Teile von Nuuk sind sehr modern und wirken auf der einen Seite großstädtischer, als man einer 17.000 Einwohner-Stadt zutraut, auf der anderen Seite wird die Stadt kaum dem Bild der Hauptstadt eines Staates gerecht.

Nuuk, Kulturzentrum Katuaq Innenansicht

Innenansicht des Kulturzentrum "Katuaq" mit dem empfehlenswerten Café.

 

 

 

Schnell merke ich auch hier in Nuuk: Größe der Gebäude ist Trumpf! Und ähnlich schnell wird auch klar, warum dies so ist. Man braucht nur in die Umgebung zu schauen: Nuuk ist von hohen Bergen umgeben - an Bauland mangelt es hier massiv. Und es ziehen immer mehr Menschen nach Nuuk. Wenn man sich dann mal einen Moment Zeit nimmt und die Bedingungen anschaut, mit denen hier gebaut wird - es geht gar nicht anders, als groß und hoch zu bauen, um der Entwicklung einigermaßen gerecht zu werden.

Kreuz und quer laufe ich durch die Stadt - bei sechs bis sieben Grad Temperatur und trüben, dunstigen Licht. Immerhin regnet es nicht und auch der in den Tagen auf Island beständig wehende, stamme Wind ist hier etwas gnädiger. Eisberge auf dem Fjord sind hier bei den Stadt allerdings Fehlanzeige.

Nuuk, Gebiet am Kolonialhafen

Bunte Wohngebäude aus Holz, wie dahingestreut, in der Nähe des historischen Kolonialhafens.

 

 

 

Um auf den Fjord schauen zu können, geht man am besten zum alten Kolonialhafen. Dort ist Nuuk so, wie man sich eine Stadt in Grönland im Klischee so vorstellt: Kunterbunt bemalte Holzhäuser, die verstreut in der Gegend stehen. Und das ist hübsch, durchaus nett und wirkt idyllisch. Die Stadt macht Werbung mit dem Slogan "Colourful Nuuk" - hier sieht man sofort, warum. Mittendrin in dem Viertel um den alten Kolonialhafen ist eine Grünfläche, wo man versucht hatte, einen arktischen Garten anzulegen. Der Versuch scheiterte, es sieht etwas trostlos aus.

Aber auch Entsetzen kommt bei mir auf - teilweise bietet Nuuk keine Spur von Idylle. Klar: Bilder habe ich schon im Internet gesehen und auch mein Reiseführer in Buchform hat darauf hingewiesen: Es gibt eine Menge ziemlich furchtbarer Altlasten. In Form von Plattenbauten. Aber wenn man denn vor der Kette der Gebäude steht, ist man doch erschreckt. Eine Folge der Dänischen Politik, als Grönland noch als reine Kolonie angesehen wurde. Um Kosten zu sparen, vor allen Dingen auch für die Infrastruktur, entwickelte man einen "G-60" genannten Entwicklungsplan, siedelte viele zuvor in kleinen Siedlungen unabhängig lebende einheimische Jäger in zentral gelegene Wohnsilos um, zwangsweise. Das mag ja durchaus effizient gewesen sein, aber es ist kein Wunder, dass es bei solchen massiven und unfreiwilligen Veränderungen dort zu erheblichen sozialen Problemen und Spannungen kam - die das Klischee und Vorurteil Vieler bis heute prägen. Die größte Bausünde dieser Plattenbauten, den "Blok P", hat man inzwischen abgerissen - er beherbergte ein Prozent der gesamten Bevölkerung Grönlands. Aber auch bei den verbleibenden Blocks kann man das Unglücklichsein der Bewohner sehen und riechen, wenn man sich mal in die Nähe der Gebäude traut... Es gibt in Nuuk furchtbare Bausünden - die so gar nicht mit dem Bild von Grönland mit den hübschen kleinen Holzhäuschen zusammenpassen will.

Nuuk, Eingangsbereich an einem Plattenbau

Trostlos, der Eingangsbereich zu einem Plattenbau der 1960er Jahre.

 

 

 

Und doch: Staunen muss ich trotzdem sehr schnell auch immer wieder über die enorme Baukunst der Grönlander. Überall auf meinem Weg begegne ich gewaltigen Konstruktionen, um den Bau von Gebäuden auf dem schroffen, felsigen, unebenen Grund überhaupt zu ermöglichen: Riesige Betonsockel und -stützen tragen die Gebäude. Beeindruckende Konstruktionen! Offenbar ist es günstiger, gewaltige Betonsockel zu bauen, als die Felsen wegzusprengen. Bauen ist hier offenkundig ganz anders, als daheim, und meist extrem mühsam. Und: Wer Probleme mit dem Treppensteigen hat, ist hier in Nuuk oft schlecht dran. Etliche aufwändige Treppenkonstruktionen sehe ich.

Aber auch ein "normaler" Fußweg von einem Stadtteil in den nächsten kann in leicht abenteuerliche Klettereien ausarten. Für mich zumindest leicht abenteuerlich, fast kommt das Gefühl einer Wanderung auf. Die Einheimischen huschen behände über das felsige Geröll - während ich mir zuweilen mühsam einen Weg bahne. Naja - selber Schuld. Ich hätte ja auch den großen Umweg über die asphaltierte Straßen gehen können.

Nuuk, Fussweg zwischen Ortsteilen

Ein Fußweg von einem Stadtteil Nuuks zum anderen kann leicht und unerwartet in eine richtige Kletterpartie ausarten.

 

 

 

Aber, apropos asphaltierte Strassen... Tja - mein uraltes Konzept, in unbekannten Städten einfach "frei nach Schnauze" durch die Straßen zu laufen und an jeder Ecke neu zu entscheiden, wo es weiter geht, klappt in Nuuk nicht so richtig gut. Oftmals eigentlich sogar überhaupt nicht. Gefühlt die Hälfte der Straßen außerhalb des Stadtzentrums sind Sackgassen. Ohne, dass dies irgendwie markiert wäre. Es ist wohl viel zu normal, dass eine Nebenstraße halt irgendwo einfach endet, als dass man das noch irgendwie markieren würde. Plötzlich steht man als "Stadtwanderer" dann an einem Felsabsatz und darf wieder umdrehen. An den größeren Durchgangsstraßen bleibt mir dieses Schicksal natürlich erspart. Aber insgesamt ist die Gegend viel zu felsig, es gibt viele kurze Stichstraßen.

Aber insgesamt wirkt die Stadt auf mich in diesem ersten Eindruck unsortiert. Ich laufe durch Nuuk und denke mir an diesem Abend - dies ist die erste Stadt, die ich besuche, von der ich das Gefühl habe, sie hat überhaupt kein Stadtbild. Schön und schrecklich direkt nebeneinander.

 

Versuch einer Wanderung bei Nuuk...

Meine Idee für den Folgetag ist allerdings klar: Wandern will ich! Es wird höchste Zeit, meine Wander-Rubrik hier auf den Seiten mal um eine tolle Wanderung zu erweitern :-) Mein Reiseführer ist mir da behilflich, weist drei kleinere Wanderungen aus, zwei davon auf ein paar hundert Meter hohe Aussichtsberge und zudem eine Bergumrundung. Klingt irgendwie sehr verlockend für mich.

Allerdings: Der nächste Morgen empfängt mich wenig einladend. Es ist nicht nur weiterhin grau, sondern es regnet auch Bindfäden. Künstlich ziehe ich das (richtig gute!) Frühstück in die Länge. Noch einen Kaffee - und, potzblitz, die Brötchen sind ja sowas von lecker! Die würde ich mir daheim auch kaufen. Und im Gegensatz zu Island gibt es hier in Grönland ja sogar die leckere, zuckrige Haselnuss-Creme, die ich mir nur auf Reisen genehmige...

Als ich dann um Viertel nach neun das Haus verlasse mit viel Wasser und einigem Essen im Rucksack, regnet es zwar immer noch - dies wird aber langsam weniger. Ich drehe nochmal eine Runde durch die Stadt. Sollte ich statt einer Wanderung vielleicht lieber das Nationalmuseum besichtigen?

Ach nein - los jetzt, zur zentralen Bushaltestelle! Den richtigen Bus zum Flughafen, dort startet die ausgewählte Bergumrundung, werde ich schon ausfindig machen (was bei den drei Buslinien in der Tat kein größeres Problem ist). Meine Hoffnung, ein Ticket direkt im Bus kaufen zu können, wird erfüllt - alles kein Problem. 15 dänische Kronen als Einheitspreis habe ich für die Fahrt zu zahlen, umgerechnet rund zwei Euro. Wie ich sehe, wird vier Wochen nach meinem Aufenthalt der Preis auf 16 dkr erhöht - da habe ich ja noch Glück gehabt und so richtig gespart.

Nuuk, im Linienbus

Unterwegs mit einem Linienbussen in Nuuk: Unkompliziert, flott und günstig. Und: Mit einer Geschwindigkeitsanzeige für die Mitfahrenden.

Immerhin: Rund eine halbe Stunde lang geht die Fahrt durch verschiedene Stadtteile von Nuuk, bis ich am Flughafen aussteige.

Nördlich der Gebäude solle man einer Wegspur folgen, empfiehlt mein Buch. Der Wanderweg sei durch grüne Markierungen zu erkennen. Aber, hm, wo genau ist jetzt nördlich? Direkt vor den Flughafengebäuden sind drei bis fünf Meter hohe Felsen, aus denen man einen Parkplatz herausgesprengt hat. Da kann der Einstieg wohl nicht sein. Hin und her laufe ich, finde keinen richtigen Einstieg. Schaue mir dann halt mal in Ruhe die Landung der Maschine von Air Greenland an - diese kann man daheim ja nie sehen. Kein Problem ist es, den Einstieg in die Wanderung auf den 443 m hohen Berg Quasussuaq zu finden: Der Weg geht hinauf entlang an einem Skilift. Allerdings ist es heute völlig sinnlos, dort hinauf zu laufen - man sieht nichts von dem Berg. Die Wolken hängen viel zu tief. Also sähe man von oben auch nichts.

Ganz schnell lerne ich hier meine erste kleine Lektion zu Wanderungen in Grönland, und seien es noch so kleine Wanderungen: Wandern in Grönland ist anders! Man sollte nicht erwarten, dass man auf perfekte Infosysteme über die Wanderwege stößt. Sich selber orientieren können, das ist hier angesagt - bitteschön!

Das kriege ich hier gerade allerdings überhaupt nicht hin. Und fühle mich ziemlich dämlich dabei. Nun bin ich hier ja allein unterwegs - vielleicht hätten vier Augen mehr als zwei Augen gesehen. Aber ich finde einfach nix, keinen Pfad, keine Markierung für irgendwas, nix...

So schnell gebe ich aber nicht auf. Der nächste Gedanke: Ein wenig hinauflaufen auf den Berg und dort mit der Aussicht müsste so ein Wanderpfad doch irgendwie zu sehen sein!? Also suche ich eine Stelle unweit des Skilifts, wo es so aussieht, als dass man ganz gut hinauf gehen kann. Da klappt dann auch ganz gut.

Nuuk, Wanderung

Langsam komme ich in die tief hängenden Wolken hinein - und kann den angeblich markierten Wanderweg noch immer nicht finden.

 

 

 

Aber sofort lerne ich meine zweite kleine Lektion über Wandern in Grönland: Sobald man die Ortschaft verlässt, ist man sofort völlig allein. Man ist sofort (!) in der Wildnis. Ja - tatsächlich in der Wildnis! Ich habe zwar noch den Blick auf Gebäude um den Flughafen, aber direkt um mich herum finde ich keine Spuren menschlichen Daseins - etwas so Unberührtes kenne ich daheim kaum. Halt - das stimmt nicht ganz: Es gibt hier noch ein gutes Handynetz, was ich gerade prima und beruhigend finde. Aber doch ist man auf sich selbst angewiesen, es gibt keinen Weg, es gibt keinen Pfad, man muss sich komplett selber orientieren und mit Voraussicht einen gangbaren Weg suchen. Das klappt bei mir ganz gut, nur: Nach 15 Minuten und 90 gewanderten Höhenmetern stehe ich allerdings in den sehr tief hängenden Wolken und sehe fast nichts mehr von der Umgebung. Das hilft mir nun auch nicht weiter. Außerdem kann ich aufgrund der Topografie auch noch gar nicht in die Richtung nach links gehen, in der ich Spuren des Wanderwegs vermute...

Also ein wenig weiter hinauf, irgendwo muss es doch seitlich weitergehen. Stimmt - tut es nach einiger Zeit auch. Die Pfütze davor ist groß, der Boden drumherum weich und morastig. Und schon sind die Füße nass. Aber das ist gerade auch egal, immerhin regnet es ja nicht. Hier und da sehe ich mal Steinmännchen - ich bin also doch nicht der erste Mensch hier, auch, wenn mein Gefühl mir dies vorgaukelt. Und überhaupt: Wenn ich ein wenig Aussicht habe und den Blick schweifen lasse, dann sehe ich Teile von Nuuk. Von wegen: Einsame Wildnis! Die Zivilisation ist direkt um die Ecke. Nur - wo ist wohl dieser Wanderpfad?

 

 

 

Es gelingt mir hier und da, unter die Wolkendecke zu kommen und ich finde den Blick dann eigentlich immer ganz prima. Hier und da muss ich auch immer wieder durch die Matsche. So ist es hier halt. Trotzdem gewöhne ich mich langsam an dieses für mich neue Wandergefühl und finde es zunehmend interessant und spannend. Das eine oder andere Firn-Feld suche ich auf für das obligatorische "Schnee-unter-meinen-Füßen, im Hochsommer"-Foto, mit dem ich ein paar Freunde daheim erfreue...

Als ich dann nach gut eineinhalb Stunden planlosen hin- und herlaufens fast schon wieder unten, auf Höhe der (mühsam in den Fels hinein gehauenen) Landebahn bin, trifft mich fast der Schlag. Da vorne - ist das etwa eine grüne Markierung? Oder etwa nur eine Flechte? Eigentlich hatte ich schon aufgehört, zu suchen und wollte... einfach... irgendwohin laufen. Doch, Tatsache - das ist ein ziemlich verwitterter grüner Farbklecks an einem Stein! Mit ein wenig Suche finde ich sogar eine weitere Markierung. Und mit ein wenig Fantasie kann ich zwischen den beiden Klecksen sogar einen Pfad ausmachen. Na sowas! Da ist er ja schon, der Wanderpfad! Nach nur eineinhalb Stunden Suche. Dann kann ja jetzt nichts mehr schief gehen.

Nuuk, Markierung Wanderweg

Kaum kann ich es glauben: Plötzlich und mittlerweile fast unerwartet stehe ich vor einer Markierung des Wanderwegs.

 

 

 

Recht zügig geht's voran. Jedenfalls die nächsten paar hundert Meter. Immer wieder mal muss ich innehalten. Nicht gerade, weil der Ausblick so sensationell ist, sondern eher, um die nächste Markierung zu suchen. Eigentlich laufe ich hier durch genau so eine Landschaft, wie schon die letzten zwei Stunden zuvor.

Der Weg schlägt einen Bogen, wird immer felsiger. Und es wird immer lauter - ich bin in den Bereich einer Großbaustelle geraten. Die produziert enormen, weithin hörbaren Lärm. Ob es das ist, was man sich von einer Grönland-Wanderung verspricht?

Das Suchspiel nach den grünen Punkten wird immer schwieriger, die Markierungen sind immer stärker verwittert. Und wenn man denn mal in vielleicht 50 m Entfernung einen solchen Punkt sieht, dann stellt sich nicht selten die Frage - wie kommst Du denn jetzt dahin? Die Felsen werden immer gröber und größer. So langsam verstehe ich, warum für die 6-7 km lange Wanderung eine Zeit von sieben Stunden in meinem Reiseführer steht...

So richtig Spaß kommt allerdings eh nicht auf. Immer häufiger wird die Suche nach dem nächsten Punkt richtig mühsam. Ich kraxel da über die Felsen, brauche manchmal sogar die Hände zum Abstützen, muss immer wieder sehen, wie ich über kleine Wasserläufe komme. Frage mich, ob es wohl klug wäre, einfach in die "gefühlte Richtung" weiter zu laufen, irgendwie? Ob das wirklich schlau wäre? Ganz alleine bin ich hier ja nicht - in 200 m Entfernung ist ja die ziemlich abgelegene Baustelle (wo, wie ich später im Internet sehe, auch wieder die dänischen Architekten Schmidt, Hammer & Lassen ein sehr interessantes Objekt bauen: Ein modernes Gefängnis).

 

 

 

Aber klar ist mir auch: Das Ganze, also die Wanderung, ist ziemlich aussichtslos. Also aussichtslos - "ohne Aussicht" im Wortsinn: Die Aussicht auf die umgebende Landschaft ist bei den 100-150 m tiefen Wolken nicht gerade toll. Alles versinkt im trüben Grau, die Berge sind unsichtbar. Was soll denn eigentlich diese Kraxelei, wenn doch nicht viel zu sehen ist? denke ich - und schlage den Weg in Richtung Baustelle und damit zu der Piste dorthin ein... Schluss mit dem Gekraxel!

Ein wenig beruhigend finde ich dabei, dass dieser sehr trübe Tag auch denkbar schlecht geeignet wäre für die in Nuuk eigentlich obligatorische Bootstour im Nuuk-Fjord. Auch dort wäre für recht viel Geld nur wenig zu sehen gewesen.

 

Stadtrand-Erkundung zu Fuß

Es ist 13:30 Uhr und ich werde einstweilen zum Straßen-Wanderer. In Grönland ja etwas Seltenes und Besonderes, denn Straßen gibt es ja kaum bzw. nur innerhalb der Ortschaften. Grob schlage ich die Richtung zum neuen Stadtteil Qinngorput ein - dort wäre auch der grün markierte Wanderweg geendet.

Es geht vorbei an den neuen, sehr modern aussehenden Gebäuden der "Universität von Grönland". Die 2009 eröffneten Gebäude gefallen mir durchaus und warum ich mir nicht ein wenig Zeit nehme, um den Campus aus der Nähe kennenzulernen - weiß ich hinterher selber gar nicht. Schade, eigentlich...

Nuuk, Gebäude der Universität

Moderne Gebäude der "Kalaallit Nunaata Universitetia", der Universität von Grönland.

Etwas mehr Zeit nehme ich mir dann für den eindrucksvollen Friedhof. Zwei auf Halbmast wehende grönländische Fahnen zeigen, dass gerade eine Bestattung stattfindet. Bestattungen auf dem Felsboden sind ja nicht unbedingt so einfach, hier gibt es aber ein wenig Boden. Und die vielen weißen Holzkreuze beeindrucken mich, ein schlichtes, einheitliches Bild. Und alle Gräber haben... nun ja, wie soll ich sagen... freien Blick aufs Meer bzw. den Nuuk Fjord. Etwas, was ich später andernorts noch mehrfach wahrnehmen werde.

Nuuk, Nationalfahnen am Friedhof

Grönländische Nationalfahnen am Eingang zum Friedhof.

Und immer wieder begegnen mir auf dem Weg Baustellen, Baustellen, Baustellen. Es wird enorm viel gebaut in Nuuk. Und immer mit viel Aufwand. Und mit richtig schwerem Gerät, das ich von Zuhause kaum kenne. Das sieht für mich eher nach Bergbau aus. Ist es bei dem felsigen Untergrund irgendwie ja auch.

Die Idee, an der Straße entlang zu laufen, ist gar nicht soo schlecht, wie ich zunächst dachte. Hin und wieder gibt es nette Blicke in Richtung Hafen. Als es jedoch einen größeren Feldweg in Richtung Flughafen landeinwärts gibt, schlage ich in das Angebot ein und biege ab. Da habe ich ihn mal eine Weile, einen unkomplizierten Weg durch die Landschaft. Auch, wenn es hier nicht gerade Wildnis ist, gibt es doch eine gute, einfache Idee von der Landschaft.

Ein Mann kommt mir entgegen, ein Einheimischer. Wir nicken uns freundlich an und wie es in Grönland so üblich ist, werde ich als erkennbarer Mitteleuropäer auf dänisch angesprochen. Schnell einigen wir uns auf Englisch. Wir plaudern ein wenig, woher und wohin es so geht. Sein Englisch ist noch brüchiger, als meines. Aber doch: Seine Begeisterung für das herrschende Wetter schlägt voll durch. Mir allerdings fällt es schwer, diese Begeisterung zu teilen. Der Grund für seine Begeisterung: Es gibt noch keine Mücken. Das Wort für "Mücken" weiß er nicht - beweist aber pantomimisches Geschick, als er mir vorspielt, was er meint. Wir lächeln beide, als wir uns nach ein paar Minuten voneinander verabschieden und weiter unserer Wege gehen. Was für eine sympathische Begegnung, denke ich mir.

Begleitet wird der Feldweg zeitweilig von einer Rohrleitung bzw. Pipeline. Auch diese aufwändig bzw. kunstvoll in den Fels gehauen. Ich weiß, weiter oben in den Bergen, heute in den Wolken, ist der Trinkwassersee von Nuuk - und die Pipeline hier ist sicherlich für die Trinkwasserversorgung von Nuuk. Ich komme auch an einen kleinen See, bin da gar nicht so weit entfernt vom Flughafen entfernt. Zeit für eine kleine Rast - immerhin reicht die Temperatur, um sich mal zehn Minuten auf einen der praktischerweise bereitliegenden Felsen niederzulassen.

Eine knappe halbe Stunde später bin ich im Neubau-Stadtteil Qinngorput angekommen. Durchaus geschmackvolle, moderne Gebäude hat man hier errichtet. Bis zu zehn Stockwerke hoch (so hoch baut man Wohnhäuser in meiner Heimatstadt Hamburg mit 1,8 Millionen Einwohnern derzeit gar nicht mehr), große Fenster, meist große Balkons. Gemischte, aber dezente Farben sind eingesetzt. Es gibt hier eine eigene Marina, also einen eigenen Yachthafen. Den Aufwand, dieses Stadtviertel hier in die Felsen zu hauen, kann man bei genauerem Hinsehen an allen Ecken und Enden sehen. Aber dieses Viertel gefällt mir gut, es wirkt vergleichsweise strukturiert. Es verwundert mich nicht, dass die Mietpreise hier wohl die höchsten von Nuuk sind, wie ich lese.

Qinngorput

Nuuk - auch hier: Eine Stadt in Fels gehauen! Das gilt unter anderem auc für den neu erbauten Vorort Qinngorput.

14,3 km bin ich bis hierhin gelaufen, seit ich am Flughafen aus dem Bus gestiegen bin, davon viel auf Asphalt - da schmerzen die Füße. Also nehme ich den Bus zurück. Der fährt auch hier im dichten Takt. Und ins Stadtzentrum dauert die Fahrt immerhin 20 Minuten. So groß ist die Hauptstadt Grönlands dann doch.

Wenn man dann im Stadtzentrum mal in einen Supermarkt geht, dann kommt schnell das Gefühl auf, man sei in Dänemark. Es gibt viele typisch dänische Erzeugnisse, alles ist sehr modern und schick, das Angebot groß und umfangreich, die ganze Abwicklung professionell und schnell. Nur - wenn man auf eine so altmodische Idee kommt, mit Bargeld bezahlen zu wollen, dann wird man auf Grönland gerne mal etwas irritiert angeschaut (aber nicht so missmutig, wie oftmals in Island, wenige Tage zuvor) - eigentlich ist man zumindest hier, kurz vor dem Ende der Welt, längst darüber hinaus, um noch mit solchen Papier- und Metall-Wertstücken zu hantieren. Trotzdem wird die Bargeldzahlung natürlich routiniert abgewickelt. Nuuk (und somit auch Grönland) ist modern, in vielerlei Hinsicht. Und die Menschen, mit denen ich hier so als Tourist zu tun habe, sind keinesfalls hinterwäldlerisch, sondern durchaus weltgewandt (was mir schon beim Taxifahrer direkt nach der Ankunft auffällt). Am besten ist also wieder einmal, Vorurteile gar nicht erst aufkommen zu lassen...

 

Der letzte Tag Nuuk - was tun?

Meinen dritten und letzten Tag in Nuuk gehe ich ein wenig ratlos an... Abends um neun Uhr beginnt meine Schiffsreise, die Einschiffung ist erst eine Stunde zuvor möglich - obwohl das Schiff, die "Sarfaq Ittuk", bereits am Morgen angekommen ist. Ich habe also eigentlich noch einen ganzen Tag Zeit in Nuuk. Von meinem Hotel in Hafennähe bis zum Schiff sind es nur ein paar Minuten Fußweg. Froh bin ich, dass es kein Problem ist, meinen 20 kg schweren Koffer im Hotel wegzuschließen, bis ich ihn abends dann brauche. So kann ich den Tag unbelastet angehen.

Nur... Was tun? Der Tag ist wieder grau und kühl. Also, das Gute daran: Kein Mückenwetter. Die Wolken hängen zwar nicht ganz so tief, wie gestern. Aber irgendwie ist alles nicht so richtig einladend. Und die Wettervorhersage auf meinem Handy meint, das wird heute so bleiben.

Ein Ziel für heute Morgen ist erstmal klar: Das Nationalmuseum! Gestern zog ich es ja vor, einen Wanderversuch zu unternehmen - dann also jetzt ins Museum. Schon allein die über 500 Jahre erhaltenen Mumien sind eine berühmte Attraktion. Aber als Tagesprogramm reicht das allein ja nicht so richtig aus. Ich bleibe etwas ratlos. Lasse mir morgens viel Zeit, es treibt mich heute ja nichts. Spaziere mal zum Landeplatz des Schiffes "Sarfaq Ittuk" - ja, in der Tat, es ist da... Kleiner, als ich dachte, das Schiff für die arktische Region.

Nuuk, Fischereihafen

Der Fischereihafen von Nuuk, direkt neben einem 35 m hohen Felsen. Die Aussicht von den Häusern dort oben ist allerdings sensationell...

 

 

 

Bei der Gelegenheit inspiziere ich auch gleich den Fischereihafen nebenan mal etwas ausführlicher. Dort geht es mit aller Gelassenheit ans Werk. Direkt neben dem Fischereihafen thronen auf einem gewaltigen Felsvorsprung eine Reihe Mietshäuser - also ist für mich mal wieder Treppensteigen angesagt, 35 m Höhe. Mama mia - diese wilden Felsen hier überall! Beeindruckend - und anstrengend. Wer in Nuuk nicht gut zu Fuß ist und nicht gerne Treppen steigt, hat an vielen Stellen ganz, ganz wirklich ein ernstes Problem.

Mit inzwischen fast schon grönländischer Gelassenheit trotte ich in Richtung Nationalmuseum, das ich direkt am Kolonialhafen ja schon von außen gesehen habe. Als ich nach einer kleinen Schleife gegen Viertel nach elf dort ankomme, stelle ich zwar einerseits betrübt fest, dass die Wolken doch wieder viel tiefer hängen, andererseits stehlen sich doch tatsächlich irgendwo ein paar einzelne Sonnenstrahlen irgendwo durch. Sonne! Das wäre doch was, das kann ich mir ja nicht entgehen lassen: Sonne in Grönland!

Wer weiß schon, wie lange dieses Spektakel anhalten wird? Das möchte ich doch ausnutzen! Zwar stehe ich direkt vor dem Nationalmuseum - aber, nein, da gehe ich doch jetzt nicht hinein, wenn die Sonne ein Gastspiel gibt. Da gehe ich lieber schnell 200-300 Meter weiter zur "Mutter des Meeres" - einer steinernen Statue, natürlich direkt am Meer. Ein wirklich richtig schöner Ort in Nuuk. Er hätte durchaus Chancen gehabt, mein Lieblingsort in Nuuk zu werden, hätte ich nicht irgendwann den grandiosen, atemberaubenden Blick an der Westküste zum Nuuker Stadtteil Qernertunnguit hin entdeckt. Für mich als Lieblingsort entdeckt - von einem Hügel am Ende einer Straße aus.

Nuuk, Kolonialhafen

Es wird heller in Nuuk: Blick vom Gelände des Nationalmuseums. Auf dem Hügel: Eine Statue von Hans Egede, dem offenkundig sehr verehrten Stadtgründer von Nuuk - ein prima Aussichtspunkt.

Jetzt bin ich also bei der "Mutter des Meeres" zu Besuch, ein Stück oberhalb gibt es zwei Bänke, beide sind frei. Da lasse ich mich nieder. Sonne - wie schön! Und sie wärmt, sogar in Grönland! Eine Wohltat! Runter mit der Jacke... Genießen. Und schnell doch wieder zu kühl.

Was sich dann in den folgenden 30 Minuten tut, kommt mir fast wie ein Naturereignis vor. Fast wirkt es, als würden die dichten, tief hängenden Wolken auseinander gerupft. Erst gibt es noch Wolkenfetzen, doch minütlich wird der Himmel blauer. Fast unwirklich erscheint mir dieses tiefe Blau, das den Himmel jetzt prägt. Nach einiger Zeit ist der Himmel - wenn man steil hinauf schaut - so blau, wie ich es überhaupt nicht kenne. Vielleicht der blauste blaue Himmel, den ich je gesehen habe. Möglicherweise, weil die Luft hier so sauber ist?

Nuuk, blauer Himmel

Binnen kurzer Zeit zeigt der Himmel über Nuuk im richtigen Blickwinkel ein fast unwirkliches Blau.

Nur in Richtung offenem Meer und auf der anderen Seite des Fjords bleiben noch ein paar dünne Wolken hängen, eher Hochnebel. Eine Zeitlang bleiben sie noch hinter Wolkenfetzen versteckt, aber endlich kann ich die umliegenden Berge mal in ihrer ganzen Größe und Wucht sehen. Wie beeindruckend!

Wow! Was für eine plötzliche, totale Änderung des Eindrucks von Nuuk. Was für eine grandiose Umgebung diese Stadt hat. Das konnte ich bisher bestenfalls ahnen. Plötzlich ist der Ort wunderschön, wie magisch - da gehe ich doch jetzt nicht in Museum! Wer weiß schon: Vielleicht geht dieser blaue Himmel ja auch wieder so schnell, wie er gekommen ist? Grund genug, Nuuk jetzt nochmal ein wenig neu zu erkunden. Diesmal mit leuchtenden, frischen Farben und einem Knallblau darüber. Da wirkt alles gleich viel strahlender, teilweise fast von aufdringlicher Schönheit. Meine Stimmung steigt sprunghaft an.

Einen kleinen Bogen ins Stadtzentrum schlage ich: Die modernen Gebäude im Sonnenlicht. Relativ wenig Personen sind hier unterwegs, naja - es ist ja Freitag Mittag. Aber es macht sich augenscheinlich eine gewisse Flanier-Laune breit. Was Sonne doch so ausmachen kann.

Doch dann, hopsa, fällt mir das grüne Holzhaus am H.J. Rinksvej auf - und auch wieder ein. Fast hätte ich es vergessen! Da war ich schon zweimal gewesen und habe vor verschlossener Tür gestanden. Und, Achtung! - es folgt jetzt etwas, was ich in meinen Texten sonst pingelig vermeide: Es folgt Werbung! Massiv, direkt, offen, unbezahlt - aus reiner Sympathie.

 

Grönländische Ohrwürmer: Besuch bei "Atlantic Music" in Nuuk - und eine Sammlung von "Nanook"-CDs

Mein Reiseführer hat sich auf vier Seiten mit grönländischer Musik beschäftigt, ausführlich vor allem mit moderner Rock- und Pop-Musik. Auch nach Jahrzehnten immer noch mein bevorzugter Musikstil. Was ich gelesen habe, hat mich so neugierig gemacht, dass ich eine ganze Weile vor meiner Reise einen kompletten Abend damit verbringe, im Internet nach grönländischer Musik zu suchen. Und was ich dabei finde, gefällt mir teilweise richtig gut - so, dass ich mir vornehme, dem grönländischen Musikgeschäft "Atlantic Music" in Nuuk einen Besuch abzustatten, um mir dort als Mitbringsel eine CD von der Rock-Gruppe "Nanook" zu kaufen. Seit einigen Jahren die beliebteste Band des Landes. Die singen in der grönländischen Sprache Kalaallisut, eine Sprache, die nur von gut 50.000 Menschen auf der Welt gesprochen wird, und verkaufen denn schon mal bis zu 15.000 CDs, was in Grönland mit Gold und Platin ausgezeichnet wird.

Letztlich ist Nanook der einzige Bandname, den ich mir gemerkt habe - dusseligerweise habe ich mir andere Bandnamen nicht notiert... Und auch gerade mal einen einzigen Titelnamen habe ich mir gemerkt, ganz simpel ebenso "Nanook". Der Titel gefällt mir, und das Video zu dem Titel finde ich außergewöhnlich und eindrucksvoll, also beabsichtige ich mir die CD mit genau diesem Titel zu kaufen, habe das Gefühl, dass ich da nicht viel falsch machen kann. Sonst bin ich nicht so der Souvenirjäger, aber das ist ohne Zweifel ein prima Souvenir für mich, bestimmt! Ach ja, überhaupt: "Nanook" heißt übrigens "Eisbär".

Die ersten beiden Tage meines Aufenthalts hatte "Atlantic Music" nicht so lang geöffnet, aber an diesem Freitag soll er die ganzen üblichen Geschäftszeiten über offen sein. Über meine Begeisterung wegen des plötzlich tollen Wetters habe ich den Besuch hier völlig vergessen - gut dass mir das grönländische Musikgeschäft gerade über den Weg läuft! Also: Rein da!

Nuuk, Atlantic Music

Für Musikfreunde eine dringende Empfehlung: Das Musikgeschäft "Atlantic Music" im H.J. Rinksvej 7 in Nuuk.

 

 

 

Von draußen kann man in das Geschäft nicht wirklich hinein schauen - doch als ich "Atlantic Music" betrete, bin ich verblüfft. Der Laden ist größer, als gedacht. Und sehr umfassend ausgestattet: Musik-instrumente, Elektronik, Bücher, Noten, alles mögliche, ein breites Spektrum. Und natürlich auch ein kleiner CD-Ständer. Der Verkäufer hinter dem Tresen kümmert sich nicht um mich, er unterhält sich angeregt mit einem Kunden. Mein Eindruck: Die kennen sich gut. Der Eindruck wird dadurch verstärkt, dass der Kunde nach einigen Minuten nicht den Laden verlässt, sondern in ein Nebenzimmer verschwindet.

Diese Minuten geben mir die Gelegenheit, ein wenig in dem CD-Ständer zu wühlen. Schwupps, habe ich eine CD von Nanook gefunden - allerdings ohne den Titel "Nanook". Kosten: 140 Kronen, das sind knapp 20 Euro. Das ist doch okay. Mit ein wenig Suche finde ich noch eine zweite CD von Nanook, und siehe da: Mit dem Titel "Nanook" darauf. Prima, da ist er ja! Das soll meine CD werden. Eine Weile schmökere ich noch in den CDs, es sind ausschließlich grönländische. Und ich erkenne keine Bandnamen wieder. Aber es sind ganz schön viele. Wie viele CDs wohl in Hameln (mit seinen genau, wie in ganz Grönland ebenfalls 57.000 Einwohnern) so produziert werden...?

Der Verkäufer hat jetzt Zeit, wir kommen ins Gespräch, eine ganze Weile lang. Er ist neugierig, fragt nach meiner Reise, meine Eindrücke, meine Pläne. Ab heute Abend zwei Tage Schifffahrt mit der Sarfaq Ittuk, dann sechs Tage Ilulissat. Oh, er kommt ehrlich ins Schwärmen - Ilulissat sei wunderschön! Und auch das Wetter sei dort normalerweise viel besser. Da könne ich mich schon drauf freuen. "But we have the latest summer ever, here in greenland", meint er. Na, typisch, denke ich - wenn ich herkomme... Das ist hier gerade gar nicht so richtig kaufen und verkaufen - das ist gerade eher ausgiebige, nette Plauderei.

Und doch stehe ich mit den beiden CDs von Nanook in den Händen vor ihm, sage ihm, dass ich gar nicht so richtig weiß, was nun. "Oh, you are very lucky! Nanook just edited a new album, their fourth album! Just three weeks ago..." und legt eine dritte CD auf den Verkaufstresen, mit dem Bild einer Bärentatze darauf, sinnigerweise. Und wieder muss ich erzählen, nun allerdings ausführlich darüber, wie es denn käme, dass ich die Band Nanook überhaupt kenne. In Dänemark gäbe es ja ein gewisses, kleines Publikum - aber in Deutschland? Der Verkäufer ist verblüfft.

Meine Ratlosigkeit wird aber auch eher größer. Was tun? Die eine CD mit dem Titel "Nanook" kaufen? Oder die ganz neue? Beide? Hm... Grübelnd stehe ich da. Entweder ist der Mann ein guter Geschäftsmann - oder wir uns einfach sympathisch. Jedenfalls "fluppt es" irgendwie so bei uns. Und als er dann anbietet, mir alle vier von Nanook in Grönland bisher herausgegebenen Original-CDs zu einem wirklich guten Gesamtpreis zu verkaufen, bin ich um eine Entscheidung erleichtert: Ich brauche mich nicht gegen eine der CDs entscheiden - ich nehme einfach alle. Und handle noch die recht neue CD von dem Nuuker Liedermacher-Duo "Tiu" zum gleichen Sonderpreis dazu. Warum er so einen günstigen Preis vorschlägt, möchte ich wissen. Und er meint, man möchte gerne, dass grönländische Musik im Ausland bekannter wird. Auch gut. Vielleicht kann ich dabei ja ein wenig helfen?

Gutes Angebot - gute Entscheidung! Nach der Reise höre ich mich nach und nach in die fünf gekauften CDs rein - was teilweise ein wenig braucht, bis es eingängig wird. Merke nach und nach, dass das nicht nur CDs sind, sondern kleine Schätze. Fange an, Freunde mit grönländischer Musik von Nanook zu behelligen. Leichtgängige, melodiöse, meist gitarrenlastige Musik zwischen Rock und Pop, leicht, frisch, zuweilen mit einem melancholischen Hauch, eine etwas gewöhnungsbedürftige, helle Stimme des Hauptsängers (dessen Eltern übrigens genau dieser Laden gehört - und der ganz nebenbei grönländischer Meister im Badminton ist), die man nach einiger Zeit aber gar nicht mehr missen mag. Und das alles gewürzt mit einer völlig unverständlichen Sprache. "Warmherziger Rock" würde ich es nennen - wenn es denn so etwas gibt. Und wen es interessiert, kann die in englische Sprache übersetzten Texte in den Booklets der CDs nachlesen. So erfährt man dann, dass der Titel der ersten CD von Nanook - "Seqinitta Qinngorpaatit" - übersetzt "Our sun is shining on you" heißt und viele sehr poetische Texte enthält. Bei mir schleichen sich in der Folgezeit sehr schnell so einige Melodien als äußerst hartnäckige Ohrwürmer ein - auch, wenn ich nicht ein Wort verstehe oder mir auch nur merken könnte und so Melodien nur mitsummen kann.

Aber doch: Bei der Qualität der Musik finde ich es eigentlich total komisch, dass Nanook, diese im Jahr 2009 aufgetauchte Perle der Rockmusik mit Gruppenmitgliedern aus Grönland und Dänemark, noch so unbekannt ist - nicht nur in Deutschland. Es ist jedenfalls so, dass seit meiner Rückkehr die eingängige Musik dieser grönländischen Top-Band sehr, sehr häufig durch meine Wohnung klingt.

Aber es ist zugegebenermaßen ja auch so, dass die Klänge bei mir auch viele Bilder im Kopf beleben, die ich von der Reise mitgebracht habe. Aber auch ohne diese Bilder ist die Musik einfach gut und verdient viel, viel mehr Aufmerksamkeit - nicht nur dort oben am nördlichen Rand der Erde. Hinaus in die Welt gehört Nanook, finde ich.

Es ist nämlich einfach so: Mehr warmherziges Grönland braucht die Welt!

Schauen Sie doch einfach mal rein bei dem Titel "Nanook" der gleichnamigen Band, veröffentlicht im Jahr 2014 auf der CD Pissaaneqaqisut - und bekommen Sie ein kurzes Gefühl dafür, wie es als Eisbär so ist:

Oder schauen Sie hier die Titel "Ataasiusutut Misigissuseq"/"Ilissinnut" von der brandneuen CD "Ataasiusutut Misigissuseq" (das Video teilweise aufgenommen im einzigen Wald Grönlands), oder hier das melancholisch-tragische "Qimavissanerparput" von der CD "Pissaaneqaqisut". Es ist übrigens der Sänger von Nanook selber, der diese Titel auf youtube veröffentlicht - und auch mit einem Soloprojekt unterwegs ist: Frederik Elsner mit Ole Kristiansen mit dem Titel "Pinerrarissorsuit" vom Album "Katassinnaanngisaq". Und falls dann immer noch Neugierde da ist, dann gibt es hier eine halbstündige Doku über die (mit deutschen Augen betrachtet sehr außergewöhnliche) "Home Tour" der Band Nanook, die teilweise an Bord des grönländischen Passagierschiffes Sarfaq Ittuk stattfand und wo man unter anderem auch ein wenig über die Produktion des Videos des Titels "Nanook" erfahren kann.

Als ich dann auf der Facebook-Seite von Nanook lese, dass man im Oktober 2018 nach Dänemark für eine kleine Tour kommen würde, frage ich doch mal kurz nach, wie es denn mit einem Abstecher nach Deutschland, zumindest Norddeutschland, aussähe? Es sei gar nicht weit von Dänemark entfernt. Die freundliche Antwort von Nanook klang eher ratlos: "... It would be great to perform in Germany, and hopefully we will one day...".

Aber, also ehrlich - das muss doch zu schaffen sein!

Und wenn Ihnen das gefällt, dann kaufen Sie sich doch einfach eine CD mit dieser frischen Musik aus Grönland! Das ist zwar, zugegeben, nicht so ganz einfach, wie wir es gewöhnt sind. Sie bekommen diese CDs nicht beim Geschäft um die Ecke. Sie bekommen die CDs auch nicht bei den marktbeherrschenden großen Versendern (die eine sonderbare "Best of"-CD von Nanook verkaufen). Sie bekommen die Musik... direkt in Grönland. Der Laden "Atlantic Music" vertreibt die Original-CDs über einen Online-Shop, es gibt teilweise auch eine Download-Möglichkeit. Die globale Welt macht es dann doch unkompliziert: Lassen Sie sich doch einfach eine CD aus Grönland schicken, aus Nuuk. Wobei: Diese Portokosten... sind zugegeben teuer, richtig teuer, überzogen teuer. Nicht so teuer, wie ein Flug nach Nuuk, aber - naja. Und die Lieferung dauert dann ein paar Wochen - aber dann bekommen Sie Post aus Grönland.  Und immerhin verdienen riesige US-Konzerne nicht mit...

Ach ja, eine fünfte CD begleitete mich dann ja auch noch nach Hause - von dem Duo "Tiu". "A very, very soft sound" meinte der Verkäufer, fast klang es wie eine Warnung - und er hat genau recht. Aber eine ganz zerbrechliche Stimme der jungen Sängerin, so glasklar wie der blaue Himmel über Nuuk an diesem Tag. Überrascht sitze ich da, als ich mir diese CD anhöre - und wieder mal kein Wort verstehe. Aber gute Musik braucht ja vielleicht keine Worte...

Und damit sind wir ja endlich, endlich wieder in Nuuk angekommen, und das an einem wundervollen Tag. Und wenn Sie Musik mögen und mal nach Nuuk kommen, dann sollten Sie Atlantic Music in keinem Falle auslassen! Für mich war das eines der nettesten Erlebnisse in Nuuk - mit ganz, ganz viel Nachklang daheim.

Und damit schalte ich meinen privaten Werbeblock auf dieser Seite wieder AUS.

 

Und plötzlich: Sommer in Nuuk

Zurück also zum Bericht. Denn noch bin ich ja in Nuuk unterwegs. Und als ich das Geschäft verlasse (üblicherweise nehme ich NIEMALS Plastiktüten in Geschäften an - aber gerade habe ich eine Plastiktüte in der Hand, von Atlantic Music, die ich auf MEHRFACHE Nachfrage als zusätzliches Souvenir dann doch mitgenommen habe und die als solche auch eine gute, dauerhafte Funktion hat), gibt es nur noch eine Ahnung von Wolken in der direkten Umgebung. Weiter am Horizont hängen noch einige dichtere Wolken. Aber mein nächstes Ziel ist mir völlig klar: Mein Lieblingsplatz in Nuuk. Der kleine, felsige Hügel mit dem Ausblick auf die Küste vor und in den Nuuker Stadtteil Qernertunnguit.

Eine ziemlich genau Vorstellung habe ich davon, wo ich mich da eine Weile hinsetzen will. Als ich dann jedoch auf dem kleinen Felsen ankomme, trifft mich fast der Schlag: "Mein Fleck", mein ganz privater Aussichtspunkt von Nuuk - er ist besetzt! Eigentlich ein Skandal! Da bin ich offenkundig nicht der einzige, der auf genau diese Idee gekommen ist. Gleich sechs junge Leute sitzen da, alle so im Studentenalter. Und sie sitzen da und schauen einfach - völlig wortlos. Völlige Stille - drei Minuten, fünf Minuten, zehn Minuten. Ich habe keine Ahnung, ob es Einheimische sind (jedenfalls sind sie mit einem Auto gekommen) oder auch Reisende oder was auch immer. Wann habe ich denn mal junge Leute erlebt, die nicht plaudern, kiechern, kreischen, Selfies machen - sondern einfach nur in aller Stille gemeinsam sitzen und atemberaubende Landschaft gucken, wie im Kino? Auch das kann also Grönland machen: Menschen erden.

Sermitsiaq

Der 1210 m hohe Berg "Sermitsiaq", gelegen auf einer Insel nahe Nuuk, beherrscht das Panorama beeindruckend.

 

 

 

Fast lenken sie mich von meinem eigentlichen Ziel des Weges ab - dem Blick in die Landschaft. Na ja, und nach einiger Zeit kehrt auch langsam bei ihnen wieder Leben ein und sie werden fröhliche junge Leute. Die sechs jungen Leute strahlen auf jeden Fall mehr Ruhe aus, als ich auf meinem Ersatz-Aussichtsplatz. Denn ich zücke wieder und wieder meine Kamera, mache Foto um Foto - und weiß doch ganz genau, dass jedes Bild nur ein winziger Ausschnitt von diesem grandiosen Panorama ist. Und nur ein Bruchteil der Stimmung wiedergibt. Und als besonderer Gruß treibt ein nicht sonderlich großer, aber im prallen Sonnenlicht hell strahlender Eisberg in einigen Kilometern Entfernung auf dem Fjord. Mein erster "richtiger" Eisberg. Und ich - ich sitze hier, schmelze offenbar schneller dahin, als der Eisberg dort hinten. Und ich verliebe mich in dieses Grönland bei Sonnenlicht. Endlich! Für solche Eindrücke bin ich hergekommen. Erst nach einiger Zeit bemerke ich einen kleinen, zweiten Eisberg - eigentlich nur ein kleines Überbleibsel eines Eisbergs, direkt vor der Küste.

Und ich staune auch etwas: Klar, die Welt ist in der Sonne überall schöner, als im trüben Grau. Aber einen dermaßen dramatischen Unterschied, wie hier in Nuuk, habe ich bisher kaum einmal erlebt. Plötzlich komme ich überall an Orte, die traumhafte und grandiose Ausblicke gewähren. Phantastische Blicke! Ich sammle genau solche Eindrücke, die ich mir gewünscht habe.

Nuuk, Bucht

Blick in eine Bucht: Türkises Wasser auch in Nuuk.

Qajak, Kajak

Kaum ist die Sonne da, paddelt wie bestellt ein Qajaq-Fahrer auf dem nur wenige Grad kalten Wasser des Nuuk-Fjords. Also ein Kajak-Fahrer - eines von ganz wenigen grönländischen Worten, das Eingang in unsere Sprache gefunden hat.

 

 

 

An diesem trüben, dunstigen Morgen habe ich nicht im Traum daran gedacht, mir für den Tag Sonnencreme in mein "Handgepäck" zu stecken, mein Koffer ist ja am Hafen eingeschlossen. Und jetzt sitze ich hier und merke, dass ich einen ganz heißen Kopf bekommen habe. Das Sonnenlicht ist so intensiv, dass ich mir hier in Grönland einen leichten Sonnenbrand im Gesicht hole.

Als ich langsam wieder aufbreche, ist es für das Nationalmuseum eh schon etwas zu spät. Und bei diesem Traumwetter, da will ich eh noch etwas sehen, streife an der felsigen Küste entlang. Immer wieder finde ich traumhaft schöne Blicke, die mir an den beiden Tagen zuvor verborgen geblieben sind. Es ist schon komisch, wie stark solche Reiseeindrücke vom Wetter beeinflusst werden. Vorher ist alles etwas mühsam, aber wenn das Wetter traumhaft ist, ist Nuuk plötzlich auch ein traumhaft schöner, faszinierender Ort. Und dies wird plötzlich zur Traumreise. Und das, wo ich doch immer denke, dass ich so super-wetterunabhängig bin.

Es wäre ein fantastischer Tag für die Wanderung gewesen, die ich gestern probiert und abgebrochen habe. Ebenso ein Traumtag für die eigentlich obligatorische Bootsfahrt auf dem Fjord - nur: Leider habe ich den urplötzlich durchbrechenden Sommer zuvor nicht im Geringsten geahnt. So bin ich dann heute nochmal 22,9 km durch das sonnendurchflutete Nuuk gelaufen, und das war auch klasse! Und so habe ich diese Stadt, die Hauptstadt von Grönland, doch noch lieb gewonnen, auf den letzten Drücker. Colourful Nuuk! Toll!

Nuuk - eine große Stadt, mitten in den Grönländer Fels gehauen. Wie schon erwähnt: Der grönländische Name der Stadt ist Nuuk - und das heißt Kap. Und ich weiß jetzt, wie der Name entstand. Der dänische Name der Stadt ist Godthåb - das heißt Gute Hoffnung. Und ich ahne jetzt, woher auch dieser Name stammt...

Bei Sonnenschein wird man Nuuk lieben! Bei solchen Bedingungen reichen drei Tage nur sehr knapp, um die Stadt und die Umgebung kennen zu lernen. Bei Sonne hätte ich in gerne vier oder fünf Tage Zeit in Nuuk...

Aber nun gut, heute ist meine Abreise. Der Abend zieht sich aller Schönheit zum Trotz dann doch etwas in die Länge. Irgendwann ab sechs/sieben Uhr warte ich, mittlerweile recht erschöpft vom Laufen, eigentlich nur noch darauf, endlich auf das Schiff zu können - mit leicht steigender Ungeduld. Ein paarmal in meinem Leben bin ich mit einer Fähre über Nacht gefahren - nachher geht es für zwei Tage aufs Schiff. Und ich freue mich jetzt auf ein neues, anderes Kapitel Grönland - es sollte endlich losgehen, finde ich. Hole abends um halb acht meinen Koffer an meiner Nuuker Unterkunft ab, stehe eine Viertelstunde später vor dem Schiff Sarfaq Ittuk, ein wenig mit den Hufen scharrend.

 

Grönland per Linienschiff

Und dann fängt mit der Schiffsfahrt ein neues, anderes Kapitel meiner Grönland-Reise an. Zu einem Reisebericht dieser Schiffsfahrt geht es dann hier - etwas später.

 

Zu der externen Bilderserie mit 98 anderen, großformatigen Bildern von meinem Aufenthalt in Nuuk in Grönland geht es hier.

 

 

 

 

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